Alan N. Shapiro, Visiting Professor in Transdisciplinary Design, Folkwang University of the Arts, Essen, Germany

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Science-Fiction-Replikatoren: Additive Fertigung und die Ökonomie der Zukunft, von Alan N. Shapiro

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Science-Fiction-Replikatoren: Additive Fertigung und die Ökonomie der Zukunft

Von Alan Shapiro

This was the text of my keynote speech at the conference of the Swiss Manufacturing Association in October 2018.

Einführung

Sozialismus ist schiefgegangen. Kapitalismus muss sich verändern. Der europäische Kapitalismus hat Angst davor, von Asien überholt zu werden. Wie also sieht die Vision für den  europäischen Kapitalismus aus, um sich erfolgreich weiter zu entwickeln?

Ich spreche in diesem Vortrag über Postkapitalismus und über Technologien mit Ich-Bewusstsein. “Technologien mit Ich-Bewusstsein”, das ist mein Begriff für die bevorstehende nächste Digitalisierungswelle bzw. die 4. Industrielle Revolution (Industrie 4.0). Darunter verstehe ich Technologien wie künstliche Intelligenz, selbstfahrende Autos, Sprachassisenten wie Siri und Alexa, Internet of Things, Blockchains, 3D-Druck, additive Manufacturing, Augmented Reality, sowie Fortschritte in Biotechnologie und digital-neurological interfaces.

Jetzt stellt sich die Frage, welches ökonomische System kann diese Technologien mit Ich-Bewusstsein mit sich bringen und sinnvoll weiter entwickeln?

Diese Technologien haben zu tun mit Dezentralisierung, Demokratisierung, Disintermediation (bei Blockchain das Aussparen eines “Mittlers”, etwa eines Bankangestellten, des weiteren mit Peer-to-Peer-Transaktionen, der gesteigerten Bedeutung von Code, Design, intellektuellem Eigentum, Smart Contracts und verringerten Kosten beim Eintritt in die Geschäftstätigkeit. Als Beispiel hierfür möchte ich über 3D-Druck/additive Manufacturing sprechen.

Das pragmatisch-utopische Potenzial für additive Manufacturing eröffnet uns die Vision eines ökonomischen Systems des überwundenen Mangels, im englischen auch post-scarcity genannt. Es geht nicht länger um das Überleben in feindlicher Natur durch den Einsatz industrieller Produktion.  Es geht um das Schaffen einer Ökonomie, die sehr viel stärker auf Ökologie und Nachhaltigkeit setzt als die gegenwärtige. Eine Ökonomie, in der die durch die Exzesse des Kapitalismus verursachte Verschwendung und Zerstörung der Umwelt rückgängig gemacht wird.

 Postkapitalismus

Der Begriff Postkapitalismus wird von vielen Gelehrten gebraucht. Im Jahr 2015 veröffentlichte Paul Mason das Buch Postcapitalism: A Guide to Our Future. Mason ist ein Sozialdemokrat, der die “Schaffung eines Peer-to-Peer-Sektors (Kooperativen, Open-source usw.) parallel zum Markt und zum Staat” favorisiert. Die Idee einer parallel zu Markt und Staat koexistierenden Peer-to-Peer-Ökonomie gefällt mir. Ich würde jedoch noch viel weiter gehen. Ich glaube, dass diese ökonomische Dimension eine von eigenbestimmten technologischen Entitäten sein sollte, eine logistische Infrastruktur, die dem Menschen nicht selber gehört, weder auf privater noch öffentlicher Basis. Auf diese Weise würde das kapitalistische Element der Gier ausgeschaltet oder zumindest verringert. Wir müssen unsere Vorstellung, was Automation bedeutet, verändern. Automation sollte die Gesellschaft und den Handel weniger bürokratisch gestalten und mehr, auch wenn das zunächst paradox klingt, Flexibilität in speziellen Umständen erlauben.

Technologischer Anarchismus

Was ist das, technologischer Anarchismus? Es ist der Titel meines Buches. In einem idealen Wirtschaftssystem sollte es Technologien geben, die niemandem gehören, die autonom handeln. Für manche Menschen ist die Vorstellung einer automatisierten dritten ökonomischen Dimension eine Bedrohung. Sie fürchten die Entmachtung der Menschen durch eine posthumane Spezies, über die die Menschheit keine Kontrolle mehr hat (wie in den Matrix-Filmen). Aber wir sollten das Horror- Szenario von dem KI-Computer HAL in 2001 – Odyssee im Weltraum einmal “auf den Kopf” stellen. Das wäre dann eine fruchtbare Partnerschaft zwischen Menschen und technologischen Entitäten in der Wirtschaft.

Das wirtschaftliche System von morgen, wie ich es postuliere, hat drei Dimensionen: eine kapitalistische für das wirtschaftliche Wachstum, für Wettbewerb, und für Belohnung der Leistung; eine sozialistische, wo der Staat für Bildung, Gesundheitsvorsorge, ein Dach über dem Kopf und andere Menschenrechte Sorge trägt; und eine dritte Dimension, technologischer Anarchismus oder Postkapitalismus genannt, die dazu führt, dass Mangel oder Knappheit überwunden wird, und Menschen erfüllt und kreativ leben können.

Die kapitalistische ökonomische Dimension ist (noch) notwendig, sollte jedoch beschränkt bleiben. Es sollte einen sozialistischen Sektor geben, ebenfalls notwendig, aber auch in beschränktem Maße. Die “Achillesferse” von beiden besteht darin, dass Menschen die Macht haben. Menschen sind nicht von Natur aus schlecht, aber in unserer heutigen Zeit – selbstsüchtig, narzistisch, korrupt und machthungrig. Wir müssen moralische Verantwortung mit Algorithmen in autonome eigenbestimmte technologische Prozesse hineincodieren. Und das ist etwas, das durchaus getan werden KANN.

Das Internet der 90iger Jahren war auch ein demokratisches und dezentralisiertes Projekt. Inzwischen wird es von Google, Facebook, Microsoft, Apple und Amazon beherrscht. Wir müssen jetzt handeln und dafür sorgen, dass additive Manufacturing oder Science-Fiction-Replikatoren nicht zu einer von riesigen Monopolen bestimmten Industrie werden, so wie Amazon das Einzelhandelsgeschäft übernommen hat. Die Wahrscheinlichkeit, dass es bei additive Manufacturing zu so einem Monopol kommt, ist aber sehr hoch.

Das Grundprinzip des additive Manufacturings besteht darin: Ein Gegenstand wird Schicht für Schicht nach einem digitalen Bauplan hergestellt. Damit geht einher eine Digitalisierungs-Revolution in der Herstellung komplexer Objekte. Man spart das teure Equipment der Fabriken.

STAR-TREK-Replikatoren

Die 3D-Drucktechnik wurde in der 60iger Science-Fiction-TV-Serie STAR TREK – RAUMSCHIFF ENTERPRISE – vorweggenommen. Aus dem Lebensmittelsynthesizer der Originalserie wurde der Allzweckreplikator der Folgeserie THE NEXT GENERATION. Der STAR-TREK-Replikator erzeugt Dinge per Zauberkraft oder aus dem Nichts. Seine Funktionsweise ist die Energie-zu-Materie-Umwandlung und die molekulare Synthese. STAR TREK hat mit Erfolg eine Reihe anderer Technologien vorweggenommen, die später Wirklichkeit wurden. Angefangen von Mobiltelefonen über Sprachkommunikation mit Computern oder so etwas wie medizinische Trikorder (oder tragbare Diagnosegeräte) bis hin zur Quantenteleportation. Wir können also auch erwarten, dass Replikatoren Wirklichkeit werden.

Sehen Sie sich das Youtube-Video über den Lebensmittelsynthesizer an (1:47 – show first 1:24). https://www.youtube.com/watch?v=jyMYKWIAR5s (“Star Trek Replicator”)

STAR-TREK-Ökonomie

In der STAR-TREK-The Next Generation-Episode “Die Neutrale Zone” können wir etwas Interessantes über die Wirtschaft in STAR TREK lernen. Die Mannschaft entdeckt eine fliegende Raumkapsel von der Erde aus dem späten 20. Jahrhundert. Unter anderem war auch die Figur des Ralph Offenhouse tiefgefroren, um zu einem späteren Zeitpunkt wieder zum Leben erweckt zu werden, wenn es Erholung und Heilung von seiner Krankheit gäbe. Offenhouse wird erfolgreich aufgetaut und wiederbelebt. Er hatte erwartet, dass die Enterprise-D amerikanisch sei. Als er hört, dass es ein Schiff der Vereinigten Planeten ist, ist er enttäuscht. In erster Linie ist er an seiner finanziellen Investition interessiert. Er verlangt, dass er mit seiner Bank und seinem Anwalt sprechen kann.

Sehen Sie sich das Youtube-Video “The Neutral Zone” an (1:55)

https://www.youtube.com/watch?v=pzqW0YaN2ho

Picard: “Ihr Anwalt ist seit Jahrhunderten tot… In den vergangenen dreihundert Jahren hat sich eine Menge verändert… Die Menschen machen sich nichts mehr aus der Anhäufung von Dingen. Wir haben den Hunger besiegt, Not und den Zwang zum Besitztum.” Die STAR-TREK-Ökonomie erschafft eine Wirtschaft des überwundenen Mangels. Sie löscht das Grundprinzip vom Primat der materiellen Produktion ab. Die ursprünglich harten natürlichen Lebensbedingungen sind überwunden. Die Replikatortechnologie ermöglicht einen Paradigmenwechsel in der Ökonomie.

Offenhouse: “Was wird jetzt aus uns? Von meinem Geld keine Spur mehr. Und mein Büro ist auch weg.” Picard erklärt ihm, dass es nun die Herausforderung der Menschheit ist, sich selbst zu entwickeln, sich selbst reich zu machen.

Die Replikatoren bei STAR TREK werden genutzt, um alles Mögliche herzustellen: Lebensmittel, Wasser, Sauerstoff, Kleidung, Ersatzteile für Maschinen, menschliche Organe, Medikamenten, Musikinstrumente. Replikatoren im industriellen Maßstab sind in der Lage, die Wirtschaft eines ganzen Planeten oder auch wichtige Teile eines Raumschiffs wiederherzustellen, wenn es zu einem Unglück gekommen ist. Wichtig im Sinne einer nachhaltigen Ökologie ist auch das Recyclingkonzept: Nicht mehr benötigte Gegenstände können wieder in Energie zurückverwandelt werden. Sie werden ebenso schnell de-repliziert wie sie repliziert wurden.

Ökologisch bewusst oder: nachhaltige 3D-Drucker

Zurück nun zum Jahr 2018. Inzwischen sind 3D-Drucker zu einer Mainstreamtechnologie geworden und ein wichtiger komplexer Teil der vierten industriellen Revolution. In einer kürzlich vom Weltwirtschaftsforum durchgeführten Studie erklärten 84% der Befragten, dass sie im Jahr 2025 mit dem ersten per 3D-Verfahren hergestellten Auto rechnen. In den nächsten Jahren werden 3D-Drucker noch schneller, billiger und kleiner werden und daher noch viel alltäglicher sein als bisher. Anders aber als die STAR-TREK-Replikatoren erzeugen 3D-Drucker Gegenstände nicht “ex nihilo” (also aus dem Nichts) bzw. nur aus Molekülen oder direkt aus Informationsmustern. Sie nutzen bereits existierende Materie und einen digitalen Bauplan.

Zurzeit lassen sich für diese Technologie nur bestimmte Eingangsmaterialien wie Kunststoff, Metall und Modelliermasse verwenden. Um nun zu einer Ökonomie des überwundenen Mangels und der ökologischen Nachhaltigkeit zu kommen, muss man die Möglichkeit der Nutzung von Materialien, die natürlicherweise reichlich vorkommen und leicht biologisch abbaubar sind, wie etwa Zellulose, weiter entwickeln. Einige Forschungsprojekte versuchen, häufig vorkommende Polymere mit Nanopartikeln zu kombinieren. 4D-Drucker führen die Zeit als weitere Dimension ein. Gegenstände werden hergestellt, die ein Ich-Bewusstsein haben. Sie formen sich selbst neu unter Einfluss von Zeit und Umwelt.

Additive Manufacturing und Design

Additive Manufacturing ist verbunden mit der wachsenden Bedeutung für Produktdesign, Kreativität und Ideen. Da ja die praktische Herstellung eines Gegenstandes einfacher wird und weniger zu investierendes Kapital erfordert, wird man mehr Gewicht auf den kreativen Prozess legen. Prototypen sind einfacher herzustellen. Transportkosten fallen geringer aus, was der Umwelt zugute kommt. Die Einstiegskosten für einen Hersteller werden fallen.

Praktische Beispiele aus der Zukunft

Gegenstände in der physischen Welt werden heutzutage durch zentralisierte Fabrikation hergestellt, mittels linearen Input-Output-Prozessen (Material hinein, Produkte heraus). Sie werden in Massen hergestellt und bringen üblicherweise hohe Energiekosten mit sich. Und es gibt keinen Faktor an Effizienzvorteil, wenn man in der Fabrik mehr Maschinen einsetzt. Steven Keating von MIT Mechanical Engineering erforscht additive Manufacturing vom Standpunkt des Zukunftsdesigns aus. Er bezieht seine Inspiration für das Bauen von den Wachstumseigenschaften lebender Organismen.

Wenn wir Dezentralisierung, Maßanfertigung und Skalierbarkeit wollen, so Keating, sollten wir auf die Biologie von Tieren schauen, die sich flexibel an ihre Umwelt anpassen, und auch auf pflanzliche Zellkulturen, die sich im exponentiellen Maße ausbreiten können. In der Natur wird manchmal das Produkt selbst zur einer produzierenden Einheit. In seinen verschiedenen praktischen Projekten arbeitet Steven Keating mit mobilen Plattformen, Roboterarmen, fraktalen geometrischen Mustern, volumetrischem Malen, Drucken mit Bakterien, Drucken mit Doppelkrümmungskurven und der spontanen Ansammlung von natürlich vorkommendem Material.

Schlussfolgerung

Die Offenhouse-Figur in der STAR-TREK-Episode, die wir gesehen haben, ironisiert die “ich will haben Mentalität” des 20. Jahrhunderts im Einweg-Wirtschaftssystem ohne “Gegengabe” an die Welt beziehungsweise ohne Nachhaltigkeit. Die Raumschiff Crew als Repräsentanten der zukünftigen STAR-TREK-Gesellschaft des technologischen Anarchismus stellt die Frage: “Akkumulation wozu?”

Das Postulat der Ökonomie des überwundenen Mangels verändert die Spielregel: Von Wachstum ohne Grenzen hin zur Nachhaltigkeit. Additive Manufacturing verwendet neue ausreichend verfügbare Materialien. Künstliche Intelligenz und technologischer Anarchismus werden die Menschen frei davon machen, andere Menschen auf unmenschliche Art und Weise zu benutzen. Additive Manufacturing ist ein grosser Schritt vorwärts in Richtung STAR-TREK-Welt: eine Welt, in der avancierte Wissenschaft und Technologie zum Wohle der Menschheit dienen. Der Kapitalismus erschafft etwas, das wirklich von Wert ist, nämlich Technologie. Wenn wir Technologie intelligent einsetzen, können wir eine bessere Welt erschaffen. Technologischer Anarchismus bedeutet Kapitalismus mit Moral aber ohne Eigentümerschaft. Das Erwirtschafteter durch Ich-Bewusstsein-Technologien löst nachhaltig das Problem der Knappheit und setzt Kreativität frei. Der Postkapitalismus erscheint bereits am Horizont. Industrielle Revolutionen haben oft in Europa begonnen. Denken wir den Kapitalismus einen Schritt weiter. Denken wir im Science-Fiction-Modus. Träumen wir unseren Traum in die Wirklichkeit.

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