Alan N. Shapiro, Visiting Professor in Transdisciplinary Design, Folkwang University of the Arts, Essen, Germany

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Krieg, von Sebastian Sowa

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KRIEG, von Sebastian Sowa

Krieg, das scheint einer der beiden Aggregatzustände des menschlichen Daseins zu sein. Entweder Krieg – oder Frieden! Der 8. Mai 1945 zum Beispiel, markiert das Ende des 2.Weltkriegs. Es ist der Tag der Kapitulation, der Tag der Befreiung, wie es Richard von Weizäcker 40 Jahre später sagte. Das heißt, die Kategorien von Sieg und Niederlage kommen zur Anwendung. Eine Kategorische Trennung, die kein Kontinuum, keine Abstufungen kennt. Es gibt nicht den halben Sieg oder das Viertel einer Niederlage. Wer kapituliert, der verliert.

Das weite Feld des Krieges offenbart eine ganze Fülle dieser Gegenüberstellungen. Gut und Böse. Freund und Feind. Sieg und Niederlage und, darauf folgend, Krieg und Frieden. Ich bin kein Kriegshistoriker, kein Experte auf dem unwirtlichen Feld des Krieges und deshalb sind die Thesen und Vermutungen, lediglich in die Raum gestellt. Ich möchte mit grundlegenden Gedanken zum Krieg und zur Distanz beginnen und zum Schluss zwei Thesen zum Holocaust und zum islamistischen Terror aufstellen.

Krieg und Distanz

Die Geschichte des Krieges, lässt sich auch als eine Geschichte der Distanz erzählen. Nicht das diese Geschichte einer eindeutigen Chronologie folgt und nicht auch Rücksprünge und eigenartige Parallelläufe hätte. Dennoch ist die Geschichte des Krieges, anscheinend von einer Vergrößerung der Distanz gekennzeichnet. Im folgenden ein Ritt durch die Geschichte des Krieges.

Die Waffe ist maßgeblich für die Distanz. Ohne Waffen ist die Gewalt unmittelbar. Man schlägt solange aufeinander ein, bis der andere nachgibt oder der Kopf runter fällt. Noch heute gilt die Reichweite eines Boxers, mit der er den Gegner auf Distanz hält, als entscheidende Qualität im Kampf.

Die Waffe distanziert die Gegner voneinander. Hieb-und Stichwaffen gibt es in Form von Knüppeln oder umfunktionierten Gebrauchsgegenständen schon seit Jahrtausenden.1

Die Erfindung des Schwarzpulvers führte dann zu den Schusswaffen. Die Distanz zwischen den Kontrahenten wurde erheblich größer und die folgenden Jahrhunderte sind geprägt von dem Bestreben, mit immer größerer Feuerkraft und Geschwindigkeit, gleichzeitig Distanz und Zerstörungskraft zu steigern und in eine schlagkräftige Relation zu bringen.2 Auf dem Meer ist die Entwicklung ähnlich. Vom Entern und Kapern eines feindlichen Schiffes und dem Kampf Mann gegen Mann, hin zum Beschuss mit Kanonen auf voller Breitseite. Kanonen im 17.Jahrhundert hatten bereits Reichweiten von 1-2km.

Das Flugzeug bringt die nächste Stufe der Distanz. Aus mehreren Kilometern Entfernung werden Bomben abgeworfen. Der Pilot sieht seine Opfer nicht. Eine kurze Handbewegung öffnet die Klappen und die Bomben fallen in die Tiefe. Die Menschen am Boden können die Flugzeuge bei gutem Wetter und Tageslicht höchstens sehen, vielleicht hören. Der Angegriffene kann sich nicht selbst verteidigen, sondern ist auf militärische Flugabwehr angewiesen. Auf dem Wasser bringen die U-Boote eine neue Dimension der Distanz. U-Boote sind unter der Wasseroberfläche. In der Unsichtbarkeit liegt gewissermaßen die Möglichkeit einer jederzeit möglichen Nähe, die von den Besatzungen der Schiffe als besonders zermürbend geschildert wird. Lothar-Günther Buchheim berichtet von unnachgiebigen Versenkungen von U-Booten, die aufgrund von Treffern Auftauchen mussten. Gewissermaßen Seeungeheur, die, endlich sichtbar, unwiederbringlich zerstört werden müssen. Desgleichen wirken Giftgase und die Folgen der Nuklearwaffen als unsichtbare Waffen. Sie sind gleichzeitig raumfüllend und körperlos. Die Distanz ist hier für den Angegriffenen nicht abschätzbar und überdies nicht zu verteidigen. Man kann sich nur schützen, aber nicht attackieren.

Das 20.Jahrhundert, zum Beispiel mit den Kriegen in Vietnam und den Golfkriegen, sind Variationen und Überlagerungen unterschiedlicher Distanzen des Krieges. Das Ziel des Krieges sorgt für diese Gleichzeitigkeit unterschiedlicher Distanzen, von Flugzeugen und Schiffen über Häuserkämpfe und Schlachten in den Wäldern mit Maschinengewehren bis hin zu leibhaftigem Feindkontakt. Den das Ziel des Krieges ist bei all den genannten Kriegen, die Einnahme von Territorium, eine körperliche Inbesitznahme. (Auch wenn bisweilen finanzielle Motivationen zu Grunde liegen.)

Drohnen: Damit vergrößert sich die Distanz des Krieges auf ein bislang völlig ungekanntes Maß. Viele tausend Kilometer entfernt sitzen Bediener von Computern an Joysticks in Operationszentralen und Steuern unbemannte Drohnen, die dann Ziele angreifen. Das Neue liegt dabei weniger in der Distanz, denn auch Mittel – und Langstreckenraketen sind in der Lage, über viele tausend Kilometer, zum Ziel zu fliegen um dort zu explodieren. Der Unterschied ist die Personalisierung des Ziels. Es ist ein eklatantes Missverhältnis von Nähe, als Resultat der einseitigen Verwendung eines Mediums. Das Medium bringt weit entfernte Situationen nahe. Aber nur in eine Richtung. Für den Angegriffenen ist der Gegner unermesslich weit entfernt. Die Konsequenz: Ein risikoloses Töten.

So ist der Knopfdruck, den jemand auslöst, um einen Drohnen-Angriff zu starten, eine weitere Stufe der Zunahme von Distanz im Krieg und Zeugnis des zunehmenden Verschwindens von Körperlichkeit auf Seiten des Angreifenden. Wie geht es weiter? Schon heute machen die Drohnen aufgrund von Algorithmen Vorschläge für neue Ziele. Das die Drohnen selber Töten, ist da nur noch ein, verhältnismäßig, kleiner Schritt.

Ich weiß nicht wann es die ersten Attacken auf Netzwerke im Internet gab. Aber heute sind wir im Zeitalter des Cyber-War. Ein Krieg um Geld und um Informationen. Geld, das seinerseits nicht mehr in konkreten Goldbarren, Scheinen oder Münzen vor einem liegt, sondern als Zahlen auf einem Bildschirm. In Form von Aktienkursen oder Kontoständen. Ein weites Feld, dass ich an dieser Stelle nur erwähnen kann.

Anmerkungen zu den Nazis und der Aufklärung

Die Erzählung der Aufklärung ist eine der großen Narrationen der Moderne. Die Aufklärung, als Prozess der Erleuchtung, die den Verstand und die Logik in das Zentrum rückt. Der Gedanke, der mir dann in den Sinn kam, hat mich zunächst entsetzt und ich formuliere ihn hier mit all der Vorsicht, zu der ich fähig bin und mit großen Fragezeichen: Ist der industrielle Mord des Holocausts nicht eine perverse Form aufklärerischen Tötens? Götz Alys These, das die Vernichtung der europäischen Juden ein triviales Platzproblem war und deshalb erst, mit dem Stocken des Krieges an der Ostfront, im Juni 1942 eine Methode gesucht wurde, um dieser Situation zu bewältigen? Industrieller Mord als unfassbare Entfremdung vom Tötungsakt?

Anmerkungen zum islamistischen Terror des IS

Der islamistische Terrorismus folgt nicht den Erzählungen der Moderne. Die binäre Logik von Krieg und Frieden, von Soldaten und Zivilisten gilt nicht. Wahlweise „nomadisch, entgrenzt, polymorph oder asymmetrisch“3 wird dieser Krieg in den Zeitungen genannt. Ein Heer von Soldaten ist nicht in der Lage, wenigen Tätern zu begegnen; ein Schlachtschiff mit U-Jagd-Torpedos ist einem Zodiac-Schlauchboot, mit ein paar Leuten mit MGs und Bazookas hoffnungslos unterlegen. Die Guerilla-Strategie des Fisches im Wasser, ein Ausspruch Mao Zedongs, kommt einem in den Sinn und macht klar, dass es sich hier keineswegs um eine neuartige Entwicklung handelt. Schon bei den guten alten Räuberbanden oder den Mannen um Robin Hood lag die Stärke in der Flexibilität kleiner Einheiten, im Gegensatz zur Schwerfälligkeit staatlicher Verbände. (Die in der Comicverfilmung durch ziemlich träge, stumpfsinnige Nashörner abgebildet wurde.) Doch ist es keineswegs so, dass der IS sich auf eine Guerillataktik beschränken lässt. Denn der IS hat Territorium eingenommen. Auch der französische Philosoph Étienne Balibar tut sich in der ZEIT mit einer Definition dieses Krieges schwer, wenn er von einer Überlagerung schreibt, die nicht mehr voneinander zu trennen ist: „Kriege zwischen Staaten (…); nationale und transnationale Bürgerkriege; der Krieg der sogenannten oder sich dafür haltenden Zivilisationen; in Krieg der imperialistischen Interessengruppen; ein Krieg der Religionen und Sekten oder zumindest ein als solcher gerechtfertigter Krieg.“4

Dementsprechend vielgestaltig sind die Strategien des IS. So schreibt der Spiegel online vom 19.08.diesen Jahres: „Sie kamen wie ein Schwarm, rasend, schießend, als ob nichts sie aufhalten könne. 70 bis 80 Wagen, davon etwa 50 gepanzerte Humvees”, jene bulligen Ungetüme, mit denen die US-Truppen sich jahrelang durch den Irak und Afghanistan bewegten. Der Rest seien Pick-ups mit aufmontierten Maschinengewehren und Flugabwehrkanonen gewesen, die auf die Kleinstadt Mahmour zurasten wie ein Kavallerieangriff aus früheren Jahrhunderten. … Die Szenerie wirkt wie eine albtraumhafte Nachstellung aus dem 7. Jahrhundert,
nur mit gepanzerten Geländewagen statt Kamelen.“5

Ein gespenstisches Nebeneinander von archaischen Exekutionen, mittelalterlichen Kriegsstrategien und Terrorismus, gepaart mit einer starken Präsenz in den sozialen Netzwerken, mit eine Fülle von Youtube-Filmen und Kommunikation via Internet, die neuerdings von Hackerverbänden attackiert werden. Ist der IS eine umfassende postmoderne Streitmacht?

1.: Vielleicht galt das Lanzentunier unter Rittern gerade auch deshalb als besonders vornehm, weil es eine größere Distanz ermöglicht. Auch die Position des Ritters zu Pferde sorgt, neben dem Überblick über das Schlachtengetümmel, für eine erhabene, eine distanzierte Position, die mit Lanzen und Schwertern ausgeglichen werden muss.)

2.: Feuerwaffen werden nach ihrer Reichweite in Kurz – bzw. Langwaffen eingeteilt. dort zu explodieren. Der Unterschied ist die Personalisierung des Ziels. Es ist ein eklatantes Missverhältnis von Nähe, als Resultat der einseitigen Verwendung eines Mediums. Das Medium bringt weit entfernte Situationen nahe. Aber nur in eine Richtung. Für den Angegriffenen ist der Gegner unermesslich weit entfernt. Die Konsequenz: Ein risikoloses Töten.

3.: Étienne Balibar: „Wir sind alle Geiseln“ in Die Zeit, 19.11 2015

4.: ebd.

5.: Christoph Reuter: „IS-Kriegstaktik: Sturmattacken wie im siebten Jahrhundert“, Spiegel online, 19.08.2015

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