Alan N. Shapiro, Visiting Professor in Transdisciplinary Design, Folkwang University of the Arts, Essen, Germany

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Hyperrealität als bloße Modeerscheinung der Gegenwart oder „ich habe Hunger!“, von Anastasija Delidova

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Durch die Globalisierung, durch die Medien und Internet sind wir heute mit mehreren Denkmustern konfrontiert, mit Informationen aus allen möglichen und „unmöglichen“ Quellen überfordert. Heute wird behauptet, dass vor Hundertjahren, in der Zeit der Moderne, die Menschheit sich die Doppelstruktur für die Orientierung ausgesucht hat, sprich „das Gute“ auf der einen Seite und „die Entfremdung“ auf der anderen. Nach dem zweiten Weltkrieg hat sich die Situation geändert. Das Böse wurde zu spät erkannt und das Gute nicht mehr so einleuchtend gewesen. Die Menschheit war frustriert und deren Glauben verloren. Die innerliche Enttäuschung und Frustration hat das Gefühl der Absurdität entwickelt. Auf der Bühne wurden die Theaterstücke von Samuel Beckett und Eugene Ionesco präsentiert. Das Leben dort basiert sich auf einer absurden Handlung, wo die Protagonisten auf „Nichts“ warten und ein unsinniges Leben führen. Ähnliche Herangehensweise könnte man in den Kunstwerken von Andy Warhol und Bridget Riley finden. Deren Werke spiegelten die Gesellschaft in derer Verzicht auf jegliche Doppelstruktur wider. Im Mittelpunkt stand das Mosaik, ein Zusammenfügen aus verschiedenen, bereits bestehenden Mustern, repräsentativ für die Zeit der Postmoderne. Jetzt wird unsere Zeit als Hypermoderne bezeichnet. Nach Baudrillard handelt es sich heute um totale Simulation, Kopie einer Kopie einer Kopie und so weiter..:

“Strictly speaking, nothing remains for us to base anything on. All that remains for us is theoretical violence speculation to the death, whose only method is the radicalisation of hypotheses. Even the code and the symbolic remain terms of simulation: it must be possible to extract them, one by one, from discourse.” (Jean Baudrillard, Symbolic Exchange and Death Theory, 5)

Die Idee des totalen Verschwindens von „Original“ entspricht dem Zeitgeist von heute.  Solche Filme wie Matrix, Total Recall oder Existenz spielen mit den apokalyptischen Gedanken der Hypermoderne und machen darauf aufmerksam zu begreifen, in welchem Zustand die Menschheit sich befindet. Die meistverkauften Kinokarten zeigen Filme aus „Blockbaster“ Genre, wobei es meistens um den Kampf zwischen Mensch und Maschine geht, um die Präsenz der künstlichen Intelligenz und um die Folgen davon. Nicht der Mensch kontrolliert die Maschine, sondern die Maschine versklavt den Menschen.

Inwiefern ist dieses ein Signal der Katastrophe, eine Warnung vor der veränderten Zukunft? Sherry Turkle erklärt in ihrem Buch „Alone Together“ über die Einsamkeit der kommenden Generation durch die Besessenheit von mobilen Geräten, die uns nicht bewusst ist. In Prinzip redet sie über die Einsamkeit des Menschen. Waren die Menschen früher nie einsam?

Hat es im Verlauf der Geschichte der Menschheit immer dazu geführt, dass man miteinander „mehr“ kommuniziert hat als heute? Dies ist unwahrscheinlich. Diese Art von Gedanken ist modisch heute und diktiert unser Verhalten.

Hypermoderne ist ein Spielzeug der heutigen Zeit, selbst die Zeit wird zu einem Spielzeug, welches eine zukünftige Zeitreise prognostiziert. Unsere Realität wird zu Konfusion, denn wir überfordert sind mit Begriffen, technischen Daten, binärem Code und scheinbar unendlich vielen Möglichkeiten, die uns verwirren. Künstlich konstruierte Welten der Virtualität und Simulation des Ganzen bis auf den DNK-Code macht uns körperlos und kontrollierbar. Sind wir wirklich so verloren in dieser Virtualität? „You think: there´s no trap, don´t worry, it´s a fake. Or is it? Mayby this time it is real. You slow down, just to be safe. “ (William Bogard, The Simulation of Surveillance, 25). Wir wollen Sicherheit, denn wir sind noch da, aus Fleisch und Blut, mit all den typischen Charakteristiken eines Menschen.

Schwebend in der Hyperrealität, kurz davor eine Zeitreise zu beginnen und parallele Dimensionen zu erforschen sind wir gefangen nicht mehr wissen zu können (oder wollen), wie die Realität aussah und wo wir uns jetzt befinden. Aber wir spüren immer noch etwas und wollen uns nicht verlieren, in unsere Existenz. Wir werden unserer Natur nicht entgehen können, denn die Geschichte wiederholt sich immer wieder, auch wenn das ungreifbare so attraktiv zu sein scheint.

Am Beispiel vom Film „Total Recall“ wird offensichtlich nicht klar, ob dieses in einer Virtualität stattgefunden hat oder in der Realität, da der Protagonist sich diese Illusion selbst gerne ausgesucht hat. Jedoch geht es in der Handlung eigentlich darum das Böse zu besiegen. Intuitiv geht es dem Protagonisten ums Überleben, um den Urinstinkt des Menschen innerhalb jeglichen Realität.

Leben und Tod, Liebe und Hass, Macht und Freiheit, Armut oder Reichtum sind die Zustände, die die Doppelstruktur der Moderne bedienen könnten oder auch schon immer da waren und auch da sein werden, wenn auf der Stelle der Hypermoderne eine neue Form aufkommt: eine neue Form mit dem ewig existierendem Inhalt.

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