Alan N. Shapiro, Autonomy in the Digital Society

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Emotionen bei Jean-Paul Sartre, von Anne-Clara Stahl

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Ich möchte gerne über die Emotion schreiben, aber ich bin nicht fähig dazu. Warum ich dazu nicht fähig bin versuche ich in meiner aktuellen Emotion herauszufinden. Es wäre gut wenn man Emotionen messen könnte. Wie die Temperatur. Dann könnte ich nun auf einer Skala meine Emotion ausdrücken.

Emotionen sind körperlich spürbar. Nicht messbar. Beeinflussbar. Und vielleicht sind es Emotionen, die uns zum menschlichen Wesen werden lassen. Wenn ich nun von einem menschlichen Wesen schreibe, muss ich im Gegenzug auch die unmenschlichen Wesen berücksichtigen. Man spricht von unmenschlichen Handlungen wenn sie bösartige, brutale Hintergründe in sich tragen. Unmenschlich gleich emotionslos? Wie sieht denn nun das unmenschliche Handeln eines emotionalen menschlichen Wesens aus? (Hierzu fehlt mir die Antwort) In Begegnungen stelle ich oft fest, dass Emotionen versteckt werden. Eine erträglichere Emotion wie Ärger wird hinter einer weniger erträglicheren Emotion wie Angst getarnt. Und schon werde ich undeutlich in der Art zu schreiben, da ich beginne Emotionen zu bewerten. Diese Handlung erzeugt eine Abneigung gegenüber dem Schreiben über Emotion in mir. Gerade weil die Emotion nur erfahrbar und nicht vollends beschreibbar ist.

Ich plädiere dafür, dass man Emotionen offener und sichtbarer austragen sollte, sie nicht hinter einer Fassade säuberlich zu verstecken. Ich plädiere für mehr Authentizität. Denn genau das ist eine Situation in der wir uns befinden sobald wir den Emotionen Gehör schenken und diese beachten. So empfinde ich auch eine hohe Emotionalität in den dargestellten Gesangs- und Bewegungsakten des Seminars am 10. Dezember 2015 bei Alan Shapiro. Wir diskutierten zunächst über andere Kommunikations- und Ausdrucksformen. Dabei waren Tanz und Gesang zwei Experimentierfelder, die wir als Gruppe erprobten. Während Alan Songs von unter anderem Pink Floyd gesungen hat, waren wir dazu aufgefordert uns im Tanz mitzuteilen. Ich erkenne in einem ersten Schritt den Mut dazu Emotion auszudrücken und in einem zweiten Schritt die Fähigkeit weniger darüber nachzudenken. Zum Beispiel weniger darüber nachzudenken wie eine Emotion von dem Gegenüber aufgenommen wird.

Ob wir dabei zu einem Schluss gekommen sind, kann ich nicht sagen. Aber dennoch ist klar, dass das gesprochene und geschriebene Wort, keiner anderen Mitteilungsmöglichkeit gleicht. Genauso wie der Tanz und auch das gesungene Wort. Eine Emotion mit Bewegung auszudrücken kann sehr poetisch sein. Sprache kann sehr poetisch sein. Musik ist Poesie. Die Art wie wir sie nutzen, lässt uns zum Poeten werden.

Ekel

In der Auseinandersetzung mit Philosophie in den letzten Wochen bei Alan, habe ich mich mit dem Buch Ekel von Sartre beschäftigt.

Ich möchte gerne bezugnehmend zu dem bisherigen Thema, der Emotion, eine Brücke zu dem Text schaffen. Inhaltlich konnte ich mich schnell für den Text begeistern. Die Ausweglosigkeit einer auftretenden Banalität im Leben und Alltag ist spürbar. Das Gefühl des Ekels gegenüber unterschiedlicher Lebenssituationen. Ich meine vor allem die Beschreibung von Emotionen und das was daraus folgt. Was folgt aus einer Emotion? Welche Konsequenzen haben Emotionen. Sie sind nicht vollständig beeinflussbar und oftmals nur mit Abstand zu reflektieren.

Sartre schreibt aus der Sicht von Antoine Roquentin in seinem Buch Ekel über die Vorliebe Papierfetzen aufzuheben. Egal aus welchem Dreck er sie zieht, es ist für ihn eine Freude die Masse anzufassen, die zuvor
noch auf dem dreckigen Boden ruhte. In einem Fall jedoch verhält er sich anders. Grund dafür sind Emotionen. Ausgelöst durch den Anfang eines Gedichts, das sich auf dem Papier verdeutlicht. Zitat S. 23 „Die Gegenstände, das dürfte einen nicht berühren, denn das lebt ja nicht. Man bedient sich ihrer, man stellt sie wieder an ihren Platz, man lebt mitten unter ihnen: sie sind nützlich, mehr nicht. Aber mich, mich berühren sie, das ist unerträglich. Ich habe Angst, mit ihnen in Kontakt zu kommen, als wären sie lebendige Tiere.“

So berühren Roquentin Dinge aus dem Alltag auf unterschiedlichste Weise. Zugleich fürchtet er sich vor der Emotion. Er zeigt großes Interesse an der Beobachtung von Menschen und Situationen im Leben. Sartre beschreibt diese mit großer Sorgfalt. Es werden Details beschrieben. Er schreibt weiter über eine Art „Ekel in den Händen“ S.23, die er bei manchen Objekten verspürt die er findet. Es übt sogar manchmal eine Art süßliche Übelkeit in ihm aus.

Roquentin beschreibt eine Liebe zu den Dingen, die bereits verrostet oder verfault sind. Er spielt mit dem Begriff des Ekels und zu Beginn wird mir nicht klar ob diese Art von Ekel nicht eine große Lust für ihn darstellt. Die Lust am ekeln oder die Lust an vergangenen Dingen die bereits einen Verwesungsprozess durchlaufen. Und des Weiteren ein Selbstekel, der durch z.B. eine banale Äußerlichkeit wie die Wetterlage in ihm aufkommt.

Der Ekel wird hier zu einer Grundemotion, die stark verbunden mit dem Existenzialismus ist. Denn durch diese Grundemotionen wird die Absurdität des Lebens unterstrichen, erhält vielmehr ein Gesicht. Eine Emotion kann nämlich eine Stimmung, einen Zustand erfassen und beschreiben. Der Grundzustand, dass wir uns in einem System befinden, in dem der Mensch zur Freiheit verdammt ist, aufgefordert wird, auf die bestehende Freiheit des Menschen zu reagieren. Seine Existenz auszufüllen, zu handeln.

Selbstekel

Antoine Roquentins Emotion zu sich selbst: Er schaut sich in den Spiegel und bezeichnet sich selbst als das „graue Ding“ das im Spiegel auftaucht S.32. Er redet über sein von ihm als zunächst hässlich beurteiltes Gesicht. Schreibt aber auch wie schwierig es ist das eigene Gesicht zu beurteilen und übt verschiedenste Experimente mit einem Spiegel aus um es zu erfassen. Er kommt zu der Erkenntnis, dass er sein Gesicht so sieht, wie er seinen Körper fühlt. Wie aber die anderen es sehen fällt ihm schwer zu sagen, da er ein allein lebender Mensch ist, der sich nicht wie andere oft mit Menschen umgibt, die nämlich im Gegensatz zu ihm einander so sehen, wie sie ihren Freunden erscheinen.

Alleinsein

Antoine spricht oft über das Alleinsein. Er beschreibt seine Emotion folgendermaßen: „Ich kann es nicht beschreiben; das ist wie der Ekel, und doch ist es genau das Gegenteil: endlich begreife ich, dass ich erlebe, dass ich ich bin und dass ich hier bin; ich bin es, der die Nacht durchfurcht, und ich bin glücklich wie ein Romanheld.“

Absurdität

Banalitäten und der Alltag ekeln Roquentin an. Über die Ereignisse im Leben schreibt er:„Folgendes habe ich gedacht: damit das banalste Ereignis zum Abenteuer wird, ist es nötig und genügt es, dass man sich daran macht, es zu erzählen. Das ist es, worauf die Leute hereinfallen: ein Mensch ist immer ein Geschichten-erzähler, er lebt umgeben von seinen Geschichten und den Geschichten anderer, er sieht alles was ihm widerfährt, durch sie hindurch, und er versucht sein Leben so zu leben, als ob er es erzählte. Aber man muss wählen: leben oder erzählen.“ S.66

Roquentin schreibt über das erzählte Abenteuer dass sich verflüchtigt sobald man aufhört zu erzählen und wieder beginnt zu leben. Er verabscheut dieses Gefühl.

Ich finde es eine schöne Parallele zu den Diskussionen, die wir im ersten Abschnitt „Medien“ geführt haben. Oft ging es dabei um zwei Parallelwelten. Die Realität und die Virtualität. Dabei ging es immer wieder um die Gestaltung der eigenen Person in virtuellen Welten. Letztendlich sind wir in den Computerspielen, sozialen Medien, Fernsehserien etc. Akteure die ihre Geschichten und Lebensumstände erzählen – weniger aber leben.

Die Suche nach dem Abenteuer, die Antoine beschreibt erhält etwas sehr lebendiges. Diese Handlung gleicht etwas dynamischen, enthält aber zur gleichen Zeit wieder etwas Verneinendes. Denn sobald das Abenteuer ausgelebt ist, verflüchtigt sich das zuvor erhabene Gefühl in einen Ekel.

Und die immer wieder aufkommende Frage warum und wofür er in dem Augenblick ist. Antoine drückt diese nicht zu erklärende Frage aus indem er sich ekelt. Vor der Tatenlosigkeit aber auch vor den Taten selbst.

S.192 „Was tue ich hier? Wieso habe ich mich darauf einlassen müssen, mich über den Humanismus zu verbreiten? Warum sind diese Leute hier? Warum essen sie? Es stimmt, dass sie nicht wissen, dass sie existieren. Ich habe Lust wegzugehen, irgendwohin zu gehen, wo ich wirklich an meinem Platz wäre, wo ich mich einspinnen würde…aber mein Platz ist nirgendwo, ich bin zu viel.“

Der Ausdruck am Ende „Ich bin zu viel“ ist sehr stark. Es unterstreicht den Überdruss an allem. Sogar an sich selbst.

Leben

Zum Leben schreibt Antoine: „Wenn man lebt, passiert nichts. Die Szenerie wechselt, Leute kommen und gehen, das ist alles. Es gibt nie Anfänge. Ein Tag folgt dem anderen, ohne Sinn und Verstand, ein unaufhörliches, eintöniges Aneinanderreihen…..Aber wenn man das Leben erzählt, verändert sich alles; bloß ist das eine Veränderung, die niemand bemerkt: der Beweis ist, dass man von wahren Geschichten spricht. S.67 f.

Existenz

Die Feststellung der eigenen Existenz gelingt Antoine zum Ende des Textes.

S.193 „Das also ist der Ekel: diese Augen blendende Evidenz? Was habe ich mir den Kopf zerbrochen! Was habe ich darüber geschrieben! Jetzt weiß ich: Ich existiere – Die Welt existiert -, und ich weiß, dass die Welt existiert. Das ist alles. Das ist alles. Aber das ist mir egal. Merkwürdig, dass mir alles so egal ist: das erschreckt mich.“

Antoine beherrscht von einer Gleichgültigkeit gegenüber dem Leben. Nichts rechtfertigt seine Existenz. Zwar ist er sich seiner Existenz nun bewusst. Rechtfertigen kann er sie aber nicht.

Er beschreibt sich selbst als kalt. Reagiert sehr emotionslos gegenüber seinen Mitmenschen. Die Emotionen spielen sich vielmehr in ihm ab. Er verspürt Wut, beschimpft seine Gegenüber im Geiste, stellt sich deren Tod vor – aber eben alles nur in seinem Inneren und seinen Vorstellungen.

Gedankenaustausch

Eine wichtige Rolle im Gespräch mit Anderen spielt der Autodidakt. Mit dieser Person tauscht sich Antoine aus. Und dennoch. Viele seiner Emotionen teilt er nur dem Leser mit. Es bleibt eine Rolle, die Roquentin spielt. Die Grundemotionen verbergen sich dahinter. Der Autodidakt ekelt Antoine an. Er, der jedes Buch in der Bibliothek gelesen hat.

Ekel, ein Text voller Emotionen. Die Beschreibung menschlicher Regung. Es ist ein Aufsatz der im Kern schreit und nach Außen hin eine trügerische Ruhe abbildet. Antoine ist und bleibt in der Rolle gefangen. Es gibt nichts was ihn dazu befähigt aus dieser Rolle herauszutreten. Außer in den Momenten des Ekels spürt er sich selbst nur wenig.

In dieser Rollenbeschreibung sehe ich eine sehr zeitgemäße Figur. In einer Welt, in der auch wir ständig auf die Rolle des Autodidakten stoßen. Des belesenen Humanisten, der bisweilen noch nicht mit einer Grundlosigkeit seiner selbst konfrontiert wurde sondern vielmehr an den Sinn glauben möchte. Umgeben von diesen Autodidakten, die uns die Welt erklären hören wir auf, den Lebensekel zu verspüren. Da wir uns anreichern mit Lebensdefinitionen und so gehindert werden selbst zu existieren. Wir existieren nur in den uns vermittelten Bildern. Der Ekel kommt nur dann zu Stande wenn wir uns von allen bisweilen existierenden Sinnvorstellungen des Lebens abkehren. Der Weg führt unausweichlich zu einem Lebensekel. Die Feststellung, dass es keinen Grund gibt zu existieren. Und dies nicht als einen pessimistischen Gedanken zu verstehen. Sich nicht dagegen zu wehren.

Umzingelt von „Sinnangeboten“ wäre eine Idee für das Heute, zurück zum Sein zu finden. Sich nicht auf die Suche nach Antworten zu begeben. Und gerade das sehe ich als sehr schwierig an. Die Antworten kommen heute bereits vor den Fragen. Sie stehen fest und greifen zurück auf die Sehnsüchte von uns Menschen. Die Medien bedienen sich ihrer und verdienen damit alle Aufmerksamkeit.

Damit möchte ich nicht die oftmals sehr melancholisch wirkende Lebensweise von Roquentin befürworten. Aber dennoch darauf hinweisen, dass uns die Sehnsucht nach Abenteuer und weniger die Sucht nach Antworten beleben kann. Um dabei zurück zu meinem Ausgangsthema der Emotion zu kommen, so fände ich eine Figur spannend, die sich ihrer Emotionen sichtbarer annimmt als es Antoine tut. Und die gleichwohl in einer ähnlichen Situation ist wir Roquentin. In der Existenzerfahrung und der Sucht nach Lebendigkeit. Einer Lebendigkeit, die keine Ursache benötigt, sondern einfach da ist. Weil man selbst ist!

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