Alan N. Shapiro, Visiting Professor in Transdisciplinary Design, Folkwang University of the Arts, Essen, Germany

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Das Zeitalter des Raumes, von Denise Werth

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Foucault beschreibt seine Zeit als Zeitalter des Raumes: Es sei ein Zeitalter der Gleichzeitigkeit, des Aneinanderreihens, des Nahen und Fernen, des Nebeneinander und des Zerstreuten. Die Welt würde als ein Netz verstanden, dessen Stränge sich kreuzen und Punkten verbinden. Die Vorstellung der Menschen habe sich damit vom hierarchischen Aufbau des Mittelalters gelöst.1 Aber wie kann man eine aktuelle Vorstellung von Raum beschreiben? Was meint der Raum der Lokalisierung, wie Foucault ihn bezeichnet? Der Mensch eignet sich im Laufe seiner persönlichen Entwicklung Raum auf individuelle Art an. Der Raum scheint dabei zunächst eine selbstverständliche Komponente für das Leben zu sein. Diese vom Menschen empfundene Vertrautheit ist bei genauer Betrachtung ebenso selbstverständlich wie diffus. Sobald versucht wird Räumlichkeit in Sprache zu fassen oder Raum theoretisch zu reflektieren, wird dies besonders deutlich. Erschwert werden theoretische Überlegungen, da es sich um einen von der Sprache unabhängigen Sachverhalt handelt, der aber, durch begriffliche Vorentscheidungen in der Sprache selbst, vorgeprägt ist.2 Nicht nur Architekten sind in der heutigen Zeit mit Fragen in Bezug auf dem Raum konfrontiert, auch für zeitgenössische Gestalter kann es von Bedeutung sein sich den Vorstellungsdimensionen von Raum anzunähern, besonders da die fortschreitende Digitalisierung unser Verhältnis zum Raum erneut umgewälzt hat.

Bei jeder Aktivität bewegt sich der Mensch in seiner räumlichen Umgebung. Diese zeichnet sich durch eine Vielzahl von Phänomenen und Objekten im Raum und deren Wechselbeziehung aus. Der Mensch ist bestrebt in den oftmals chaotischen Strukturen eine Ordnung zu erkennen. Hinzu kommt, dass die Interpretation der Umwelt auch von Gedächtnisinhalten abhängig ist. So ist es möglich, dass sich die gefühlte Wirklichkeit von der Verteilung im real messbaren Raum stark unterscheidet. Raum kann sowohl im Sprachgebrauch als auch im Empfinden der Menschen die unterschiedlichsten Bedeutungen bekommen. Dennoch ist er etwas, das unser Leben so sehr bestimmt, wie nur wenig andere Faktoren es tun. Im alltäglichen Gebrauch meint der Begriff Raum meistens die geographische Umwelt um uns herum, die sich aus unterschiedlichsten Komponenten aufbauen kann. Diese Umwelt ist unser Lebensraum, in dem wir uns bewegen, handeln und Veränderungen schaffen.

Zur Raumwahrnehmung gehört auch die eigene Verortung in der Welt und im Kosmos. Der Mensch schafft einen individuellen Bezug zu den Dingen, die außerhalb des eigenen Körpers liegen. Die Art, wie sich der moderne Mensch heute in seiner Welt und dem Universum verortet, ist noch sehr jung. Erst die Revolution des Weltbildes zu Beginn der Neuzeit von einem geozentrischen zu einem heliozentrischen Weltverständnis hat neue Denkansätze zum Verständnis des Raumes gegeben. Durch die kopernikanische Wende fand zudem eine Dezentrierung statt – die Erde erschien nicht mehr als Mittelpunkt des Weltalls. Heute ist der Mensch sogar damit konfrontiert, dass es möglich ist, die Erdatmosphäre zu verlassen.

Viele Philosophen und Wissenschaftler setzen sich mit dem Raum auseinander. Auch der Philosoph Immanuel Kant (1724-1804) entwickelte Denkansätze, welche Konsequenzen für die Vorstellung des Menschen von seiner Umwelt mit sich zogen. Kant vertrat dabei die Theorie, dass die menschliche Erkenntnis das Zentrum allen Wissens sein müsse. Nur sie könne mit Hilfe der Vernunft „a priori“ allgemein gültige Beweisführungen erbringen. Für ihn ist somit der Zugang zum Raum nur durch die euklidische Geometrie und ihre von der menschlichen Wahrnehmung unabhängig gültigen Gesetze sinnvoll.3

Der subjektiven Sinneswahrnehmung sprach der Philosoph Martin Heidegger in seinem Hauptwerk Sein und Zeit (1927) eine größere Bedeutung zu. Heidegger legt Wert auf die Trennung von Außen- und Innenraum des Menschen. Der Außenraum, also die Lebenswelt, würde als tote Komponente interpretiert. Die zeitliche Innenwelt des Menschen steht dem als lebendige Komponente gegenüber. Zudem geht Heidegger nicht von einem erkennenden Subjekt aus, sondern betont die Eingebundenheit des Menschen in die Welt. Die Welt wird ihm zufolge phänomenologisch beschrieben und sich vom Menschen durch das Handeln angeeignet.4

Der heutige wissenschaftliche Stand betont die subjektive Wirkung von Raum in der Lebenswirklichkeit des Menschen. Dies wird beispielsweise an dem verzerrten Eindruck deutlich, den eine Person von seiner Heimatstadt haben kann, wenn sie nach einer Zeit im Ausland dorthin zurückkehrt. Ein Marktplatz, welcher zu einem früheren Zeitpunkt riesig groß erschien, kann so mit etwas Abstand provinziell und klein wirken.

Es gilt als bewiesen, dass die Umwelt für den Menschen nicht objektiv erkennbar ist. Er entwickelt lediglich eine lebenspraktische Vorstellung des ihn umgebenden Raumes, die durch die Leistungsgrenze des Nervensystems begrenzt wird. Das Wissen gleicht dabei nicht einer Ansammlung von Fakten, sondern einem räumlich organisierten Beschreibungsmodell, in dem der Mensch alle Erfahrungen integriert. Die Farb- und Lichtstruktur der Umwelt erlaubt ihm dabei die Bildung eines anschaulichen Zeichensystems, über das er sich analog zur Wortsprache verständigen kann. Der Anschauungsraum weist eine Bedeutungs- und Handlungsstruktur auf, über die der Mensch verstehen kann, was er sieht. Die Sprache des Menschen spielt zusätzlich eine große Rolle für die Vorstellungsbilder bezüglich des Raumes. Sie gibt ihnen eine Form, die der bewussten Wahrnehmung dient. Die Bedeutung von Sprache und ihrer Barrieren wird deutlich, wenn man andere Sprachen und deren Begrifflichkeiten betrachtet. Allein im Englischen steht der Begriff Raum den Bezeichnungen „place“ und „space“ gegenübersteht. „Space“ ist ein Ausdruck für den wertneutralen Raum und „place“ für den emotional besetzten, dem im Deutschen der Begriff Ort am nächsten kommen würde. „Place“ kann somit Heimat bedeuten, aber auch den Wohnzimmersessel meinen.

Mit dem objektiven, wertneutralen Raum ist demzufolge der dinglich erfüllte, sichtbare, bemerkbare und beschreibbare Raum in seiner Funktion als Lebensraum des Menschen gemeint. Emotional besetzter Raum dagegen sticht durch seine ästhetische und emotionale Komponente der jeweiligen Situation und Wahrnehmung heraus. Dabei ist zu bemerken, dass die Grenzen zwischen diesen Sichtweisen fließend sind. Räumliche Wahrnehmung dient zwar in erster Linie der Orientierung und Handlungsfähigkeit in unserer Umwelt, sie ist aber nicht deckungsgleich mit dem physischen Raum. Der Mensch entwickelt Strategien, wie er durch die Wahrnehmung und das Wissen über die absolute Lage und die relative Lage von Objekten in seiner Umwelt am besten agieren kann.5

Die Lage von Dingen im Raum wird in Bezug auf den irdisch-geografischen Raum reflektiert. Es wird hier von einem real existierenden Raum ausgegangen, der vom handelnden Menschen durch Siedlungsräume, Agrarflächen und Industrie sowie Infrastruktur nutzbar gemacht wird. Hierdurch erschafft der Mensch eine Umwelt, die erneut auf unterschiedliche Weise auf den Menschen zurückwirkt. In Siedlungsräumen wird besonders deutlich, dass der Mensch hier gestalterisch und funktional in die Umwelt eingreift. Dabei versucht er Menschenansammlungen und Wohnraum zu organisieren. Im sechszehnten Jahrhundert begann zudem eine Transformation von der Tatsache Stadt in das Konzept Stadt. Die Schöpfung eines anonymen, universellen Subjekts der Stadt macht es möglich, ihr Funktionen und Prädikate zu verleihen sowie eine begrenzte Anzahl von Eigenheiten zu unterscheiden und zu benennen. Die Stadt entwickelt sich mit den Bedürfnissen des Menschen weiter. Gegen Ende des 19ten Jahrhunderts hat sich zudem ein deutlicher Paradigmenwechsel in der Betrachtung und dem Umgang mit der Stadt vollzogen.

Dies wurde durch die großen technischen Errungenschaften der industriellen Revolution ausgelöst, welche umwälzende soziale und räumlich-strukturelle Veränderungen mit sich führten. Die hierdurch vorangetriebene dezidierte Auseinandersetzung mit dem Phänomen Stadt und dem Leben in der Großstadt hatten die Herausbildung der Disziplinen des Städtebaus und der Sozialwissenschaft zur Folge. Dadurch, dass die Realität der Stadt verschuldet durch ihre schnelle Entwicklungen häufig als unzulänglich empfunden worden ist, gelang die Gestaltung des physischen Raumes in den Fokus der Menschen. Man beginnt zudem zwischen privater und öffentlicher Sphäre zu differenzieren. Das alltägliche Leben in der Stadt zeigt eine Tendenz, sich zu polarisieren, entweder in den sozialen Zustand der Öffentlichkeit oder der Privatheit.6

Die Architektur ist eine der wichtigsten Komponenten für die Transformation von räumlichen Gegebenheiten. Sie verändert Handlungsmöglichkeiten und Nutzung von Orten. Raum wird dabei im Verhältnis zum handelnden Objekt neu bestimmt, indem er zum gelebten Raum wird.7 Ein architektonischer Entwurf muss somit eine Interpretation und Setzung räumlicher Zusammenhänge darstellen, die nach der Realisierung durch Bewegung und Erfahrung erlebt werden.8 Ein extremes Beispiel für diese Gegebenheiten ist das Panopticon von Jeremy Bentham, welches Foucault in seinem Aufsatz Panoptismus beschreibt. Das Prinzip des architektonischen Aufbaus ist, dass sich ein Turm in der Mitte eines ringförmigen Gebäudes befindet. Der Turm besitzt Fenster, welche sich zur Innenseite des Rings öffnen. Das Ringgebäude ist in Zellen unterteilt, die jeweils durch gesamte Tiefe des Gebäudes reichen und auf der Innen- und Außenseite Fenster besitzen. So kann ein Aufseher alle Räume einsehen. Die Akteure dagegen sind individualisiert und ständig sichtbar. Der Aufseher aber sieht somit alles, ohne selbst gesehen zu werden. Es ist eine extreme Machtsituation, die sich hier entwickelt, da die Wirkung der Überwachung permanent gegeben ist, selbst wenn nicht ständig aktiv kontrolliert wird. Die Menschen in den Zimmern oder Zellen wissen nicht, wann und ob sie überwacht werden. Die Macht ist hier also automatisiert und entindividualisiert.9

Foucault interpretiert Benthams Entwurf als Ausdruck des Wunsches eine Disziplinarinstitution zu entwerfen. Dieser sei durch die Veränderungen im 17. und 18. Jahrhundert in der Gesellschaft hin zu mehr Disziplin und Leistungsdruck ausgelöst worden. Es wird deutlich, wie stark die Wechselwirkungen von Raum, seiner Wahrnehmung, Aufteilung und Gestaltung und der gesellschaftlichen Entwicklung ist.10

Das Zeitalter des Raumes, wie Foucault es beschreibt, muss um die Betonung des digitalen Raums ergänzt werden. Das Nahe und Ferne, das Nebeneinander und das Zerstreute sind noch enger und auf digitaler Seite ohne zeitlichen Versatz miteinander Verbunden. Diese Entwicklungen schaffen ein wieder neues Verständnis der Welt und des Raumes, da sich gefühlte Verhältnisse verschieben.

Welche Bedeutung haben diese Überlegungen für Gestalter?

Wichtig für sie bleibt, dass sie ein Bewusstsein für die Vorstellungsbilder des Raums und die Rolle der Architektur entwickeln. Der Begriff der Architektur und des Raumes werden auch auf digitaler Ebene immer bedeutender, sodass Machtstrukturen und gefühlte Verhältnisse besser verstanden werden müssen, um zu lernen sie richtig zu nutzen. Je nach Lebenssituation, Erfahrung und Bildungsstand kann sich der gefühlte Lebensraum verändern, zusätzlich entwickeln sich Strukturen, welche durch Architektur und formenden Eingriff in die Lebenswelt den Eindruck der Menschen verändern. Diese Eingriffe werden auch von Gestaltern vorgenommen. Eine Tatsache, die im Besonderen auf Grund seiner emotionalen und politischen Dimension eine hohe Relevanz besitzt, wenn ein Gestalter gewillt ist eine gute Haltung und sinnvolle Position zu entwickeln.

1 Vgl. Michel Foucault, Andere Räume. In: Barck, Karlheinz u.a. (Hsg.), Aisthesis. Wahrnehmung heute oder
Perspektiven einer anderen Ästhetik, Leipzig, S. 34

2 Vgl. Jörg Dünne, Raumtheorie – Grundlagentexte aus Philosophie und Kulturwissenschaften S. 9

3 Vgl. Stephan Günzel, Raum. Ein interdisziplinäres Handbuch, S.77

4 Vgl. Stephan Günzel, Raum. Ein interdisziplinäres Handbuch, S.84

5 Vgl. ebd., S. 74

6 Vgl. ebd., S. 266

7 Henri Lefebvre, Die Produktion des Raumes. In: Dünne, Jörg, Günzel, Stephan: Raumtheorie. Grundlagentexte aus Philosophie und Kulturwissenschaften, S. 336

8 Jean Baudrillard, Architektur: Wahrheit oder Radikalität? Wien, 1999;

9 Michel Foucault, Überwachen und Strafen. Die Geburt des Gefängnisses, S. 265 ff.

10 Vgl. ebd., S. 267

Quellen:

Baudrillard, Jean (1999) Architektur: Wahrheit oder Radikalität? Wien

Dünne, Jörg und Günzel, Stephan (Hrsg.) (2006): Raumtheorie. Grundlagentexte aus Philosophie und Kulturwissenschaften. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag

Foucault, Michel: Andere Räume. In: Barck, Karlheinz u.a. (Hrsg.) (1992) Aisthesis. Wahrnehmung heute oder Perspektiven einer anderen Ästhetik. Leipzig

Foucault, Michel (1977): Überwachen und Strafen. Die Geburt des Gefängnisses. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main

Günzel, Stephan (Hrsg.) (2010): Raum. Ein Interdisziplinäres Handbuch. Weimar: Verlag J. B. Metzler

Lefebvre, Henri: Die Produktion des Raumes. In: Dünne, Jörg, Günzel, Stephan (Hrsg.) (2006): Raumtheorie. Grundlagentexte aus Philosophie und Kulturwissenschaften. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag

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