Alan N. Shapiro, Autonomy in the Digital Society

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Unannehmlichkeit des Daseins, von Anastasija Delidova

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A: Bist du frei?

B: Was?!

A: Bist du Frei, spürst du die Freiheit des…(Unterbrechung)

B: Booh.. Laß mich in Ruhe!

A: Bist du gefangen?

B: Ich bin genervt durch die Art und Weise wie zwecklos du deine UND meine Zeit vertreibst!

A: Wieso denn ohne Zweck? Vielleicht will ich die Welt verstehen, den Sinn des Lebens ergreifen um die Vollkommenheit zu erreichen.

B: Also, du hast mich und unsere Kinder, DAS ist der Sinn deines Lebens. Du muss froh sein eine Familie zu haben und mal aufhören sich mit diesem Schwachsinn auseinanderzusetzen.

A: Du sagst es…und wenn ich damit nicht einverstanden bin? Existenzialisten waren der Meinung, dass jeden Augenblick eine radikale Entscheidung getroffen werden kann, ICH kann entscheiden was für mich Sinnvoll ist…!

B: Ah, natürlich, doch klar!.. Und ich, als deine Frau, kann entscheiden, ob du heute einen Abendessen serviert bekommst oder nicht. Und ich bin mir ziemlich sicher, dass du, als großer Philosoph auch ganz ohne das Essen locker auskommen kannst. „Exististen“ sollen für dich Schweinebraten mit Kartoffelpüree kochen.

A: (ausatmen) Du verstehst mich nicht..

B: Mmm, mit Senf-Sahne Soße!

A: Es geht doch nicht ums Essen!..

B: Mit Rosenkohl und gebratenem Speck!

A: Hörst du mir überhaupt noch zu?..

B: Und Vanille-pudding als Nachtisch sollen „Existentisten“ für dich zubereiten!

A: Deswegen hat Sartre nie geheiratet..

B: Was?

A: Nichts..

B: Selbstverständlich! Wenn er so einer war wie du, dann wundert es mich nicht, welche Frau soll so einen Mann aushalten.

A: Frauen wollten schon, er wollte es nicht..

B: Du willst also wirklich ohne einen Abendessen bleiben?

A: Ich denke, darauf kann ich verzichten… ich denke… denken…laut Descart „ich denke also bin ich“

B: Und ich denke, es ist nicht ausreichend, – du solltest auch etwas tun, deine Ehe-Verpflichtungen zum Beispiel!?

A: Laut Camus, „das Leben heißt handeln“, stimmt schon. Jedoch soziale Verpflichtungen können doch nicht alles sein..!

B: Wenn du endlich einen vernünftigen Job gefunden hättest, dann gäbe es auch keine Zeit mehr übrig für so eine Schande!

A: Deine Gedanken erschrecken mich…

B: Mir geht es genauso bei dir!

A: „Die höchste Form der Hoffnung ist die überwundene Verzweiflung“

B: Du sprichst mir aus der Seele! Ich habe neulich überlegt eine Risiko-Lebensversicherung abzuschließen, falls irgendwas passiert… was denkst du?

A: „Das Leben verlieren ist keine große Sache; aber zuschauen, wie der Sinn des Lebens aufgelöst wird, das ist unerträglich.“

B: Schon wieder???!!! Mir wird’s schlecht.

A: Nach Marcel Duchamp, ein schlechtes Gefühl ist immerhin ein Gefühl..

B: Ich wäre froh nichts Schlechtes zu fühlen, während du mich mit deiner Philosophie belästigst!

A: Das ist realisierbar.

B: Wie denn?

A: Es gibt mindestens eine Möglichkeit, und zwar..

B: Gehst du einen anständigen Job zu suchen? Hörst du auf rum zu philosophieren und wirst sportlich, energisch?

A: Ich wollte eigentlich…

B: Guck dich an, du siehst mittlerweile wie ein alter Mann aus, mit gebeugten Rücken und grün im Gesicht.

A: ..sagen, dass du Freiheit über Emotionen hast. Entscheide, was du damit machst.

B: Ich kann also alles selber für mich entscheiden?

A: Ja, schon.

B: Na gut, dann treffe ich die Entscheidung jetzt rauszugehen!

A: Was meinst du?

B: Das Essen ist fertig. Ich ziehe mich um und los geht’s!

A: Wohin denn??

B: Mal schauen! Ich will feiern. (zieht sich um)

A: Aber, heute ist Montag… So etwas ziehst du an?.. ist der Ausschnitt nicht viel zu offen…?

B: Finde ich nicht!

A: Roter Lippenstift?…

B:  Steht mir gut, nicht wahr!

A: Ja… aber was ist mit den Kindern, sie kommen gleich von der Schule. Und heute Abend ist die Vollversammlung!

B: Du bist doch da!

A: Das mit der Freiheit, so meinte ich das nicht. Du hast eine radikale Position angenommen.

B: (keine Antwort)

A: Weißt du, mir ist aufgefallen. Sartre hat doch mal gesagt „Vielleicht gibt es schönere Zeiten – aber diese ist unsere.“

B: (keine Rückmeldung)

A: Ich versuche zum Frieden zu kommen, ins Innere zu schauen und das ganze positiv zu sehen.

Bist du noch da?

(die Tür schlägt zu.

Der Löffel bewegt sich gefühlslos in der Tasse

Stille. )

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