Alan N. Shapiro, Visiting Professor in Transdisciplinary Design, Folkwang University of the Arts, Essen, Germany

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Meer, Strand und Wald – eine „existenzielle Metaphorik der Landschaft“ in der Serie „Lost“, von Eicke Riggers

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Meer, Strand und Wald – eine „existenzielle Metaphorik der Landschaft“ in der Serie Lost

Die Fernsehserie Lost ist mehr als viele andere der literarisch inspirierten, qualitativ bemerkenswerten Serien, die derzeit vermehrt entstehen, durch einen bestimmten Ort und eine spezifische landschaftliche Struktur bestimmt. Die Insel als Schauplatz der oftmals mysteriösen Ereignisse, angefangen beim auffälligerweise direkt am schmalen Strand platzierten Kabinenteil des Flugzeugs bis hin zu den unterirdischen Strukturen der Dharma-Organisation, kann, so behaupte ich versuchsweise, als eine Art „landschaftliches Diagramm“ menschlicher Existenz „gelesen“ werden. Selbstverständlich ist das Motiv des Gestrandeten, der die ihm abhanden1 gekommene Zivilisation im Angesicht der un-heimlichen Wildnis kompensiert und im Rahmen seiner neuen Umgebung gegen alle Widrigkeiten bruchstückhaft wieder errichtet, nicht neu. Die abgelegene Insel ist die Metapher par excellence für den Kampf von Kultur gegen Natur, Mensch gegen Wildnis, Vernunft gegen Instinkte. Robinson Crusoes Geschichte scheint nie auserzählt.

Doch die Art und Weise, wie Lost dieses Thema heraufbeschwört und dann innerhalb der gegebenen Landschaft durchspielt, ist bemerkenswert. Die Wechsel der Szenerie sind hart: Es trifft das Meer mit harter Saum-Kante auf den Strand (Es gibt wenig seichtes Wasser), der Strand wiederum grenzt unmittelbar an den dichten Dschungel, der Dschungel ist nur punktuell von Lichtungen durchsetzt usw. Der Wechsel von einer Zone in die andere ist meist mit Gefahren und Anstrengungen verbunden. Das ist insofern nicht trivial, als dass diese Landschafts-Struktur nicht nur Kulisse bleibt, sondern die Geschichte entscheidend prägt.

Martin Heideggers in Aufsätzen wie „Die Zeit des Weltbildes“, „Der Ursprung des Kunstwerkes“ oder auch „Bauen Wohnen Denken“ entwickelte Hermeneutik der Wahrheit und der Existenz, die mit „Metaphern“ von Landschaft und Natur arbeitet  (Holzweg, Lichtung, Erde etc.) bietet uns versuchsweise einen Schlüssel, die in Lost „landschaftlich“ chiffrierten Thesen über eben diese philosophischen Topoi zu entschlüsseln.

Der Strand als die ständige Lichtung, die reine Unverborgenheit. Er ist die nun notdürftig bewohnte Grenze von „Wilder Welt“, Nicht-Kultur, Erde (dem Wald) und dem Nichts, der Weite, dem Abgrund, dem Horizont (dem Meer). Wildnis und Strandung der Zivilisation – eine abgestürzte Zivilisation. Sie muss sich einrichten zwischen Wildnis und Nichts, sich eine Welt schaffen. Im Wald: Das Riesige, wieder unberechenbar geworden, nicht vorhersehbar, nicht Teil des Bestandes der einst bestellten Natur. Ein ursprünglicher Dschungel ist der „wilde Wald“ in Reinform. Er ist voller Unterholz, undurchsichtig und bietet sich zwar der Erforschung an, aber um einen hohen Preis. Das Transportmittel, das das Riesige hatte schrumpfen lassen (das Flugzeug), liegt zerstört und in Einzelteilen am Strand, im Wald. Die Möglichkeit, die Welt zu überfliegen, sie aus der Vogelperspektive zu sehen und so ungestört zu kontemplieren, ist uns geraubt. Der Crash des Fahrzeugs, das die Landschaft meidet, indem es über ihr schwebt, setzt seine Insassen dieser Wildnis nun umso direkter aus. Vergleiche dazu auch Merleau-Pontys „Vorwurf“ an Descartes, dessen Ontologie bzw. Topologie sei die des alles sehenden Vogelfluges, während sich die menschliche Existenz doch auf dem Boden abspiele, inmitten der Dinge, verwurzelt im „Wilden Sein“.

Zurück zu Lost: Das Wilde im Dschungel, das jede Erkundung und Erforschung potenziell lebensgefährlich macht, den Strand aber verschont. Dagegen tötet es den Piloten, den „Lenker der Technik“, auf grausame Weise – vielleicht, weil er es ist, der sehen will, der versucht, das Riesige zu Gesicht zu bekommen. Es ist fast wie bei Orpheus: Wer flieht und nicht sehen will (oder darf), das Nicht-Sehen-Dürfen in Kauf nimmt, kommt davon, aber um den Preis, dass er im Unklaren bleibt. Die Wahrheit entzieht sich in ganz brutaler Weise.

Die Protagonisten der Serie: Eine angespülte Gesellschaft, trotz allem aber nicht schiffbrüchig, sondern flugbrüchig. Sie kommen weder vom Land (sie kennen das Leben im Wald nicht) noch vom Meer (sie waren keine Seefahrer), beiden aber sind sie nun ausgesetzt. Das Wasser ist potenziell feindlich. Leben im Zwischen. Die Notwendigkeit, in den Wald zu gehen, wenn das Überleben gelingen soll. Aber auch, um Rätsel zu entdecken, Rätsel zu lösen. Lost handelt vielmehr von der Rätselhaftigkeit der umgebenden Welt als vom bloßen Überlebenskampf. Und der Wald bleibt das letzte Rätsel, er verbirgt und entbirgt. In seinem Erdreich liegen Dinge verborgen, die nur mit Gewalt zugänglich sind, zwischen seinen Wipfeln wohnt etwas Tödliches. Heimisch ist in diesem Wald zuallererst Vincent, der Hund, das Tier. Dieser verwilderte Hund, der sich gewissermaßen selbst auswildert in dem Moment, wo die Zivilisation abstürzt. Wenn Deleuze das wilde Tier vor allem von seinem Territorium her deutet, dann kann man fragen: Wessen Territorium ist der Wald? Wessen der Strand? Dem Tier fällt es leicht, sein neues Territorium zu besetzen, die Menschen aber hoffen, sich nicht einrichten zu müssen, es ist nicht ihre Welt, in der sie abgestürzt sind. Doch in dem Moment, in dem sie die Signalfeuer abbrennen lassen, die ihre eigene Sichtbarkeit ermöglichen sollten, fügen sie sich in den Kampf um das neue Territorium, in den Streit von Welt und Erde, der ein harter Streit bleiben wird.

Klar scheint: Die unscharfen territorialen Grenzen sind das Gegenstück zum bei Heidegger ausgemachten „Grundriss“, in dem und mit dem sich die berechnenden Naturwissenschaften einrichten und auf den hin und innerhalb dessen sie bestimmen, was Natur sei. Als Natur im Sinne neuer Naturwissenschaft kann nur gelten, was in diesen Gegenstandsbezirk fällt. Bei Lost aber sind diese Bezirke nicht berechenbar, es handelt sich vielmehr um wilde Territorien, die der kontemplativen Betrachtung entzogen sind, jede Exaktheit ist hier im Angesicht der wilden Grenzen vergebens, das Experiment weicht der Expedition. Versuche der Erkenntnis fordern die unmittelbare Auseinandersetzung, die körperliche Konfrontation mit der Landschaft und dem Fremden. Jedes Medium, das Informationen liefern sollte, irgendeinen Kontakt zur Zivilisation herstellen könnte, wird nur Teil des Rätselhaften. Das Weltbild ist gestört: Der Transceiver verweist nur auf die Insel selbst, auf ein anderes Rätsel innerhalb dieses Kosmos. Und auch diese „Entdeckung“ ist landschaftlich vorgezeichnet: nur möglich außerhalb des Dschungels, auf dem Berg, dort, wo das Unterholz sich lichtet.

Lost setzt auf besondere Art und Weise den Streit von Welt und Erde ins Bild. Die Welt der Abgestürzten ist zerfallen. Sie müssen sich erneut einrichten auf dieser unwirtlichen Erde, die noch dazu umgeben ist von Wasser: Grenzenloses Meer, aber harte Grenzen der Insel. Der Strand bildet die schmale Schwelle zwischen diesen beiden Territorien. Zwischen dem Unendlichen und dem Rätselhaften. Zwischen dem Nichts und dem „Wilden Sein“.

1 Vielleicht wäre es interessant, Heideggers Begrifflichkeit der „Zurhandenheit“ und der „Vorhandenheit“ versuchshalber mit der der „Abhandenheit“ in Bezug zu setzen: Das vorübergehende völlige Entgleiten der Dinge, die sonst unsere Welt konstituieren.

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