Alan N. Shapiro, Visiting Professor in Transdisciplinary Design, Folkwang University of the Arts, Essen, Germany

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Automobil und Mobilität, von Daniel Rauch

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Die Mobilität von Morgen

Das Thema Automobil und Mobilität begleitet mich schon seit meiner Kindheit. Mit dem Interesse Designer zu werden, wie ich bereits im letzten Essay geschrieben habe, begann dieses mit der Begeisterung für Automobile. Ich zeichnete sehr früh zunächst Autos ab und begann einige Jahre später selber Autos zu entwerfen. Dabei war das von meinem Vater abonnierte Magazin „Auto Focus“ von entscheidender Bedeutung. von Anfang der 1990er Jahre bis zu den frühen 2000er Jahren wurden alle zwei Monate die neuesten Serien- und Konzeptfahrzeuge vorgestellt. Ein vergleichbares Magazin von heute wäre „Intersection“.

Mein Vater erkannte mein Interesse und versuchte dies stets zu fördern, in dem er mit meinem Bruder und mir Automessen, Auto- und Technikmuseen oder auch Autohäuser besuchte. In dieser Zeit, als es für uns noch kein Internet gab, waren diese „physischen“ Erfahrungen und der direkte Kontakt prägend. Heute schaue ich mir neue Fahrzeuge zum größten Teil im Internet an.

Das Auto der Zukunft

Wenn es um das Thema Auto der Zukunft geht, habe ich eine sehr persönliche und eigene Meinung. Man stellt oft fest, dass gerade junge Designstudenten oft ein Auto oder ein anderes Fahrzeug für die Zukunft gestalten wollen. Weil es spannend und aufregend ist, aber sich mit dem klassischen Automobil nicht oder kaum tiefergehend beschäftigt haben. Das ist natürlich keine Grundvoraussetzung. Aber wenn ich mich wenig mit Literatur oder Philosophie beschäftigt habe, dann kann auch kaum ein guter und fundierter Beitrag dazu entstehen. Ähnlich ist es bei der Mobilität.

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Die Autokultur hat viele Facetten und hier, in Deutschland hat sie auch einen besonders hohen Stellenwert, für einige zumindest. Das liegt daran, dass das Automobil in Deutschland vor 129 Jahren erfunden wurde und heute unter anderem mit der ersten Automarke Mercedes-Benz immer noch an der Spitze der Automobilentwicklung steht, was Technologie, Design und Marktanteil betrifft.

Mit der Frage nach dem Auto von morgen, stößt man auf die verschiedensten Ideen, die bereits vor Jahrzehnten oder auch in den letzten Jahren erdacht wurden. Seien es Fahrzeugstudien von kleinen Manufakturen, wie sie damals als Karosseriebauer weit verbreitet waren, seien es unabhänige Gestalter oder Designer oder Studenten. Filmautos, die fliegen können, bis zu digitalen Konzepten, wie jüngst für die Rennspiel Simulation Gran Turismo.

Man kann die Chronologie der Serienfahrzeuge beobachten, die sich kontinuierlich weiterentwickelt und vielleicht in den nächsten Jahren durch die möglichen autonomen Fahrzeuge ihre größte „Revolution“ erfahren
könnten. Aber eine deutliche Veränderung ist nicht wirklich zu sehen. Es sind eher qualitative Schritte in der
Fertigung, technologische Fortschritte in den Komponenten oder neue Materialien. Bei den Konzeptfahrzeugen
gab es hochphasen bei den amerikanischen Herstellern in den 1950ern und 60er Jahren und den italienischen Designern wie Pininfarina, Bertone und Giugiaro ab den 1970er Jahren bis in die frühen 1990er Jahren, bevor es keine klaren Tendenzen mehr gab.

Innovation beim Automobil

Man muss beim Auto ganz klar unterscheiden, aus welcher Position man die Innovation betrachtet. Und da ist
meist die Sicht eines Gestalters schon eine andere, als die eines klassischen Kundens. Aus Sicht des Gestalters, ich nehme mich, als Industrie und Fahrzeuggestalter, geht es nur in sehr kleinen und vorsichtigen Schritten voran. Die großen Unternehmen in der Branche zeigen kaum Mut mit neuen Konzepten, besonders für die Serienfahrzeuge. Das liegt daran, dass man keine Kunden verlieren will. Ganz nach der „MAYA-Formel“ (most advanced yet acceptable). Man darf also nicht zu weit gehen. Und dennoch ist es gerade die Aufgabe der Gestalter, diese Grenzen zu sprengen und neue Wege aufzuzeigen. Renault hatte unter der Leitung von Chefdesigner Patrick Le Quément einige interessante und extravagante Studien, deren Ideen bis in die Serie fortgeführt wurden. Designklassiker wie der Renault Avantime entstanden, die sich allerding schlecht verkauften und als Misserfolg verbucht wurden.

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Die Gestaltung eines Automobils ist eine hohe Kunst. Ein bildhauerischer Akt. Das bis heute, jedes Fahrzeug, aus Clay, einem speziellen Ton von Modelleuren per Hand geformt wird, und dieser Prozess trotz aller 3D-Programme unumgänglich ist, um ein gutes Fahrzeug zu gestalten, ist vielen Menschen kaum bewusst. Wird diese Phase übersprungen, geht viel an gestalterischem Potential verloren. Detail- und Flächenausgestaltung, die in dieser Intensität nirgendwo anders so betrieben wird.

Die Ästhetik des Automobils wird immer noch sehr hochgehalten, sowohl von Kunden als auch von Gestaltern.
Es geht um die Verkörperung eines Image. Vielleicht ist das heutzutage völlig überholt und in Frage zu
stellen – auch in anderen Produktgruppen. Der Sinn und Zweck eines Autos, von A nach B zu kommen, spielt
eine untergeordnete Rolle. Diese Funktion erfüllt ohnehin jedes Fahrzeug. Also definiert man sich über Marke,
Fahrzeugtyp und Design. Selbst eine Ablehnung dieser Haltung, ist eine Haltung.

Meine Ideen zum Auto der Zukunft

Neben den vielen Autoentwürfen und Zeichnungen, die ich ständig und fortwährend mache, um beim Automobildesign am Puls der Zeit zu bleiben, habe ich im 5.Semester die Fahrzeugstudie „CarriAge“ entwickelt, bei der ich mich zunächst mit allen Fragen, die mir zum Thema Automobil in den Sinn kamen, beschäftigt habe. Zunächst wollte ich ein Fahrzeug für das Jahr 2050 in Groß- und Megastädten entwickeln und bin am Ende bei einem Fahrzeugkonzept für die Generation 60 Plus gelandet, was Themen wie den demografischen Wandel, Platzmangel, das Reisegefühl, neue Antriebskonzepte und die Inspiration der Kutsche (der Ausgangspunkt des Automobils) vereint. Mir war dabei die Gestaltung genau so wichtig, wie die Funktionalität und eine theoretische Realisierbarkeit. Und genau das ist der Punkt, den ich bei vielen, besonders studentischen Arbeiten und Fachfremden, vermisse. Denn bei Fahrzeugen sollte der Antrieb genau so wenig vernachlässigt werden wie die Ästhetik oder die Umsetzbarkeit. Fehlt eine der Komponenten, so fehlt eine tragende Säule des gesamten Baus.

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Aktuell gestalte ich in meinem KEV ein Solarfahrzeug, das alleine durch die Speicherung der Sonnenenergie
fährt. Dieses Fahrzeug wird in einem Team von 40 Studenten der Hochschule Bochum entwickelt und Ende
dieses Jahres gebaut. Es wird im Jahr 2017 an der Worldsolarchallenge in Australien teilnehmen, bei der Hochschulen aus der ganzen Welt einmal Australien komplett durchqueren.

Dieses Fahrzeug ist aktuell mein Auto der Zukunft. Ein neues Konzept für den Antrieb gepaart mit Aerodynamik
und Alltagstauglichkeit. Und all diese neuen Rahmenbedingungen führen gleichzeitig zu einer völlig neuen
und durchaus ungewohnten Gestaltung.

Meine Philosophie

Da ich es mir zur Aufgabe mache, Fahrzeuge für die Zukunft zu gestalten, ist mir ein tieferer Sinn dahinter besonders wichtig. Ein Fahrzeug ist immer eine Symbiose aus verschiedenen Aspekten, ähnlich wie bei anderen Produkten auch. Man kann unrealistische Fahr- oder fast Flugzeuge gestalten, aber mit Blick auf unsere gesellschaftliche Entwicklung, auf die Ressourcenknappheit und die Entwicklung unseres Ökosystems, möchte ich diese Aspekte, soweit es mir möglich ist, in den Fokus stellen und Lösungen dafür finden.

Anhang:

CarriAge 2014

Das Stadtauto CarriAge ist ein Fahrzeugkonzept für das Jahr 2050. Es richtet sich an die Generation 60 Plus, die dann einen Großteil der Bevölkerung ausmachen wird. Durch eine hohe Fahrzeugkabine bietet es einen bequemen Einstieg. Die bewusste gestalterische Anlehnung an Kutschen aus dem 19. Jahrhundert, soll einen deutlichen Gegensatz zu immer flacheren und sportlicheren Autos bilden, die kaum auf die Bedürfnisse von älteren Menschen ein geht. CarriAge lädt durch eine durchgehende Sitzbank, und den großen Fenstern zu einem entspannten und gemeinschaftlichen Reisen ein. Es kann zwischen einem Autopiloten und selbstständiger Steuerung des Fahrzeugs gewählt werden. Das Fahrzeug wird mit einer Brennstoffzelle und Wasserstoff angetrieben. Ein besonderes Feature sind die multifunktionalen OLED Glasflächen. Die Glasflächen können durch Solarelemente Energie speichern und gleichzeitig als Leuchtkörper oder Display eingesetzt werden. So wird CarriAge zu einer puristischen und modernen High-Tec Kutsche, die einen klaren Bezug zur der Vergangenheit der ersten Automobile darstellt.

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