Alan N. Shapiro, Visiting Professor in Transdisciplinary Design, Folkwang University of the Arts, Essen, Germany

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Architektur – ein Speicher, von Anne-Clara Stahl

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Architektur – ein Speicher

Ich denke über eine Architektur nach in der es darum geht Gerüche zu verewigen. Sie zu konservieren.
Eine Blechbüchse hat im geschlossenem Zustand die Eigenschaft ihren Inhalt länger haltbar zu machen.
Wie verhält sich eigentlich Architektur zu Ihrem Inhalt? Was ist der Inhalt einer Architektur? Bildlich gesehen sind wir Menschen es, die Architekturen entwerfen, bevölkern, benutzen, zerstören, wieder aufbauen.

Wir sind zugleich Inhalt wie auch Außenstehende.

Ich befinde mich in dem von Sanaa erbauten Kubus auf dem Gelände der Zeche Zollverein in Essen.
Die Farbstimmung ist grau, aber es gibt einige Lichtöffnungen die das Grau in ein leichtes Grün verwandeln. Ich gehöre in diesem Moment zu dem, was diese Architektur beinhaltet. Ich gehöre somit in diesem Augenblick zu der Architektur dazu. Mein eigener Körper wird zu einem Teil des Raumes.

Architektur beherbergt. Ich lebe in einem Haus mit vielen anderen Menschen. Jeder von uns bewohnt eine Parzelle in diesem Gebäude. Wenn ich zu Hause an meinem Tisch sitze, bin ich Inhalt dieser Parzelle. Wenn ich mir vorstelle dass sich in jeder der Parzellen Menschen aufhalten ist diese Art von Architektur, das Wohnhaus, eine Art Speicher. Sie speichert für kurze Zeit menschliche Wesen und entlässt sie nach ebenso kurzer Zeit wieder. (Ich speichere zwischenzeitlich die Datei dieses Textes in einem Ordner auf meinem Computer)Ich bewege mich in meiner Wohnung. Alles dort Gespeicherte kann nicht verloren gehen. Außer jemand anderes bedient sich an meinem Speicher. Mein Speicher ist verschlüsselt. Wie so häufig wenn es um das Thema der Lagerung von etwas geht. Mein Speicher ist durch Wandunterteilungen sowie Möbelstücke organisiert. Dort kann ich meinen Besitz unterbringen und ordnen. Der Platz an dem ich schlafe ist genau definiert. Der Platz an dem ich arbeite ebenfalls. Wenn ich mir vorstelle es gäbe jemanden der meine Parzelle in Momenten meiner Abwesenheit nutzt ist das für mich eine abstrakte Vorstellung. In dieser Vorstellung fühle ich mich in meiner Privatheit gestört. Ich bin nicht mehr in einer intimen Zone. Dabei wäre diese Art der Parzellennutzung doch nur effizient. Das Konzept einer Herberge mit dem Unterschied, dass es sich hier um vertraute Räume handelt. Privatheit und Intimität in Abschnitten. So wie eine Datei für mehrere Menschen zugänglich wäre könnten Räume auch für mehrere Menschen nutzbar und begehbar sein. Nach der Nutzung wird sie abgespeichert und ist damit wieder offen für einen nächsten Nutzer. Das ist die Art von Architektur, in denen wir uns täglich bewegen. Unsere Räume.

Dann gibt es aber auch Architekturen die genau auf diese Art der Speicherung entworfen wurden. Bibliotheken zum Beispiel. Bücherarchive um genau zu sein. Ein Speicher für Speicher. Bücher speichern Worte. Worte speichern Inhalt. Inhalt speichert Inhalt. Foucault spricht hierbei von Heterotopien, die auf die Akkumulation der Zeit ausgerichtet sind.

Wie sieht es mit leeren Architekturen aus. Ein Leerstand. Ein ungenutzter Speicher. Die Spuren der Speicherung sind noch zu erkennen. Die Menge an ungenutzten Speichern könnte in ihrer Vielzahl einen großen Pool an leeren Speichern sichern.

Das Speichern hinterlässt vielfältige Spuren. Das Gespeicherte in einem Gebäude zu löschen gestaltet sich schwieriger als das Löschen einer Datei. Dennoch können wir Räume verändern, hinzufügen und tauschen. Ein Raum kann nicht nur materielle Dinge speichern. Ein Raum speichert Wärme. Er speichert Gerüche.

Er speichert Luft. Wenn ich den Raum einer bekannten Person betrete vernehme ich einen ganz bestimmten Geruch. Er ist jedes Mal einmalig und wird in keinem anderen Haus zu finden sein. Die Architektur steht unmittelbar in Verbindung zu diesem Geruch. Die Wände, aber auch das Inventar wie die Teppiche, Stoffe und andere Objekte speichern den Geruch. Beim löschen dieser Komponenten und damit einem Entkernen des Gebäudes ist es vielleicht möglich diesen Geruch zu entfernen. Dann wird das Grundgemäuer sichtbar und es entsteht in der gleichen Architektur eine neue Atmosphäre. Ein neuer Code. Wenn ich eine Wohnung beziehe, die schon vor mir von zahlreichen Menschen bewohnt wurde, übernehme ich einen Code des Raumes und füge meinen Code hinzu. Es verhält sich im Grunde wie in der Mathematik mit einer einfachen Gleichung. Ich habe einen Zustand zu dem ich etwas hinzufüge. Das Ergebnis ist ein Zwischenzustand bis zu meinem Auszug oder neuen Veränderungen die ich vornehme. Die Architektur überlebt diesen Bewohnerwechsel. Sie bleibt als Grundstruktur beständig, muss vielleicht nur hier und dort ausgebessert werden.

Sie ist aber zugleich ein Speicher an Geschichten. Leider kann sie nicht befragt werden.

Ich stelle mir bildlich gesehen Schichten innerhalb der Architektur vor. An den Wänden, auf dem Boden.
Eine Anreicherung des Durchschreitenden. Zeitschichten. Denn auch das Zeitliche spielt sich in diesen Räumen ab. Architektur ist ein Zeuge der Zeit. Die Veränderung, das Altern macht sie sichtbar.

Inwiefern lässt die gegenwärtige Architektur Spuren der Speicherung zu?

Glatte Wände, feiner Putz, roher Beton. Keine gerechte Behausung für eine Spur. Rillen, Winkel, Kerben, Nischen – Orte für die Ansiedlung von Spuren. Die Speicherung von Kehricht. Aber all das wird vermieden. Kaum Entdeckungsfreiheit in der modernen Architektur. Die Tendenz zur freien Fläche und die Ablehnung von verwinkelten Arealen die beispielsweise nur durch kriechende Fortbewegung erforscht werden können.
Es ist die Reduzierung. Das Zurücknehmen und Verhindern des Unbequemen. Alles passt sich dem menschlichen Körper an. Meistens mehr offensichtlich als spürbar.

Architektur ist also etwas sehr statisches.

Warum aber nicht einmal Architektur als lebenden Organismus betrachten?

Jeder Entwurf einer neuen Architektur unterliegt dem Material. Das Material erzeugt das unbewegliche, ruhige Bild der Baukunst. Immer wieder sehe ich wunderbare zeichnerische Aufzeichnungen von Räumen und dennoch können sie nicht den exakten räumlichen Kontext, die Atmosphäre wiedergeben, die nach der Erbauung in diesen Räumen vorzufinden ist. Ich frage mich ob es nicht für einen Architekten jedes Mal aufs Neue ein Erlebnis ist, die zuvor erdachten Räume zu betreten und wahrzunehmen. Um sie im Anschluss neu zu erfinden. Aber auch hiervor wird sich geschützt indem man vor dem Bau die Räume virtuell begehbar macht. In dieser Weise befreit man sich vor der Gefahr eines unerwarteten Ereignisses und plant zugleich die Witterung und die Lichtstimmung dazu. Architektur wird demnach bespielt mit Material, Form, Farbe, Struktur, Ornamentik… Wir Gestalter können damit das Bauwerk bestimmen und Errichten. Wir nehmen hierdurch eine Rolle im Stadtbild ein. Setzen ein Zeichen in einem Ort.

Architektur folgt einer Funktion.

Architektur ist ein Konstrukt, das sich vor allen Dingen durch die räumliche Wahrnehmung jedes Einzelnen erschließen und neu erdenken lässt. Das Gebaute steht im Kontrast zu unserem menschlichen Körper. Dennoch funktioniert Architektur an manchen Stellen wie ein lebendiger Organismus. Denn Architektur befördert, organisiert, systematisiert. Nur ist sie eben nicht lebendig.

Aber sie wird, nicht zu vergessen, von uns Menschen erschaffen und erhält allein demzufolge schon eine menschliche Dimension. Dadurch, dass wir das menschliche Maß in den Mittelpunkt von Architektur stellen ist Architektur etwas sehr direktes. In der Dimensionierung steckt nichts Spekulatives, vielmehr beruht jedes Maß auf einer Tatsache.

Die angesprochene Organisation die Architektur leistet finde ich ein spannendes Thema. Es interessiert mich zu hinterfragen wie eine solche Organisation stattfindet.

Architektur verstehe ich hier im weitesten Sinne. Strukturen, gebauter Raum und erfundene Orte treffen es namentlich vielleicht besser.

In dem Text von Michel Foucault „Von anderen Räumen“ spricht Foucault unter anderem von den „merkwürdigen Heterotopien des Friedhofs“. Er spricht damit eine weitere Art der Architektur und zwar die der Grabstätten an. Eine Grabstätte ist eine sehr eigentümliche Art des Speichers. Sie speichert den menschlichen Leib in seinem unlebendigen Zustand so lange bis er sich aufgelöst hat. Die Speicherung ist damit zeitlich begrenzt. Bei der Mumifizierung im alten Ägypten wurde versucht dieser Verwesungsprozess des Körpers durch eine Konservierung des Körpers zu unterbinden. Interessant ist hier vor allem die Sargform, die einer menschlichen Gestalt ähnelt. Der Sarg ist in gewissem Maße die letzte Art von Architektur der wir beiwohnen. Ein Friedhof ist wiederum der Ort der diese Architektur organisiert, sie umfasst und dennoch verschwinden lässt. Ein Ort, der wie Foucault es ausdrückt „den Verlust des Lebens für jeden Einzelnen darstellt“. Es ist ein Ort der Erinnerung, der eine „Scheinewigkeit“ erzeugt. Die Pyramide ist eine Architektur, die für diese Ewigkeit erschaffen wurde. Eine Ewigkeit nach dem Ende. Es ist folgernd ein Speicher für die Ewigkeit und steht damit im Kontrast zu allen anderen Speichern, in denen die zeitliche Begrenzung und eine anhaltende Verfügbarkeit der Speicherung gegeben ist.

Und auch an diesem Ort ist eine Ordnung zu erkennen. Ich denke hier zum Beispiel an die Art von Friedhof in denen die Särge in mehreren Etagen in einer Mauer eingebettet sind. Es entstehen Wände der physischen Speicherung. Aber auch eine klassische Friedhofsorganisation erfordert eine Auseinandersetzung mit System und Ordnung. Ein Themenbereich, dem die Speicherung unterliegt. Ohne die Auseinandersetzung mit letzteren Fragen wäre es eher eine Anhäufung. Insofern hat die Speicherung auch etwas mit der Sicherheit zu tun etwas wiederzufinden.

Ich denke nun darüber nach, wie Architektur in den Zwischenräumen aussieht. Architektur, die nicht für den Aufenthalt entworfen ist. Ein Ort an dem das Verweilen nicht eine zwingende Tätigkeit ist. Was wird hier gespeichert? Oder ein temporärer Speicher, wie der eines Marktstandes. Für eine kurze Dauer ist die Speicherung ein zentrales Thema. Der Stand ist hier nur Mittel zum Zweck. Das Vorhaben die Ware zu verkaufen, sie weiterzugeben. Ähnlich verhält es sich mit Einkaufszentren. Nur dass sie weniger temporär, sondern vielmehr anhaltend in Benutzung sind. Die Speicherung erfolgt zyklisch. Ist ein Speicher aufgebraucht, wird er wieder gefüllt. Welche Rolle spielen hier die Räume? Wir sind es gewohnt uns täglich an Speichern zu bedienen, die wir selber in der Lage sind zu befüllen. Wir produzieren gezielt, um unsere Speicher anzureichern und sie in Folge wieder zu entleeren. Rein aus architektonischer Sicht ist es eine spielerische Handlung. Räume werden so angelegt um die Anlieferung sowie Anhäufung von Ware zu gewährleisten. Ordnungssystem Architektur, aber auch Ordnungssystem Raum, Regal, Kleiderständer, Kisten etc. Hier muss Architektur vor allen Dingen funktionieren.

Aber was ist wenn Architektur nicht funktioniert. Wenn sie keinen menschlichen Dimensionen unterliegt. Wenn sie rein hypothetisch erdacht ist und weder organisiert noch systematisiert. In sich verlorene Räume. Meine Frage ist, muss Architektur immer dem Menschen gerecht werden? Oder kann sie unrealisierbare Momente, utopische Konstrukte und leibhaftiges Material vereinbaren ohne dabei nur ein Hirngespinst von Raum darzustellen.

In Verbindung mit dem Leitgedanken dieses Textes, der Speicherung, entdecke ich auch dort einige Verbindungen. Hinterfragt man den Akt der Speicherung geht es nämlich ähnlich wie in der Architektur, um den Erhalt eines Zustandes. Sei es räumlich oder inhaltlich. Doch inwiefern begünstigen wir einen Erhalt von etwas ohne das Zulassen von Eingriffen zu gewähren. Sind nicht gerade zeitweilige Eingriffe förderlich für den Zustand einer Speicherung? Denn die Unantastbarkeit einer Speicherung käme weder ihr selbst, noch dem Nutzer zugute. Es würde sich ähnlich verhalten wie bei einer ungenutzten Bibliothek, einem leeren Marktplatz oder einer unbewohnten Wohnung.

Demnach unterstützen sich Speicherung und Architektur, indem Architektur das Angebot gibt eine Speicherung zu vollziehen und die Speicherung wiederum Architektur einen Nutzen verleiht.

Bei all dem bisher geschriebenen sei dahingestellt ob nicht die Art wie wir speichern, wie wir versuchen zu konservieren, zu erhalten, sich nicht allmählich von der physischen Architektur hin zur medialen Architektur verschiebt. Ob wir also eines Tages nur noch in unseren Parzellen sitzen und aus Lagerbeständen Material anfordern bleibt fraglich. So sollte man doch die Architektur wertschätzen und ihr mehr sinnlich begegnen. Denn die Abwendung vom sinnlich erfahrbaren Raum hin zum einfachen funktionellen Lagerraum ist frappierend. Dann gäbe es nur noch dem Zweck entsprechende Gebäude und Strukturen die uns als Person damit verbinden würde. Eine körperliche Begegnung mit Architektur würde diese Art nicht zwingend einschließen. Der Verlust des räumlichen Erlebens. Und all das nur weil wir immer größeren Speicherungen Raum gewähren.

Ich bin der Meinung, dass das Thema der Speicherung in der Gestaltung von Räumen wieder mehr thematisiert werden sollte. Die Inszenierte Stapelung, die Fächerung, die Verortung von Material als ein gespeichertes Gesamtwerk.

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