Alan N. Shapiro, Visiting Professor in Transdisciplinary Design, Folkwang University of the Arts, Essen, Germany

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Macht- und Hierarchieverhältnisse am Beispiel von „The Wire“, von Jaška Klocke

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Einleitung

Im folgenden Essay möchte ich den Versuch unternehmen, auf unterschiedliche Machtstrukturen in der ersten Staffel der US amerikanischen Fernsehserie The Wire, die von 2002 bis 2008 im Privatsender HBO („Home Box Office“) ausgestrahlt wurde, einzugehen und diese miteinander zu vergleichen. Dabei interessiert mich vor allem die Frage, in wie weit sich Macht auf der einen Seite in den Strukturen des Drogenkartells im Westen Baltimores angeführt von Avon Barksdale, mit den hierarchischen Machtstrukturen innerhalb der polizeilichen Sonderkommission und deren Vorgesetzten ähneln. Wem dient das Aufrechterhalten von Macht und Hierarchie auf der einen, sowie auf der anderen Seite? Welche Konsequenzen kann man aus dem Ende der ersten Staffel ziehen, bei dem Avon  Barksdale, sein Cousin D’Angelo, sowie dutzende andere Gangmitglieder zwar zu Gefängnisstrafen verurteilt werden, sich am Status quo, dem Drogenhandel und dem Morden auf der Straße, aber nichts geändert hat, außer dass dieser von den übriggebliebenen Gangmitgliedern weiter geführt wird?

Grundlegend muss durch die teils komplizierte und verworrene Struktur der Verhältnisse einzelner SerienprotagonistInnen zueinander und der Handlung der Geschichte, die sich immerhin über 13 Stunden zieht (allein eine Staffel), eine Einschränkung in Bezug auf die Vollständigkeit meiner Ausführungen gemacht werden. Sie soll sich essayistisch auf die mir auffallenden Machtstruktur beschränken, die es zu ergänzen gilt.

Hauptteil

Die Botschaft, die man aus The Wire in Bezug auf das demokratische Verständnis der oben genannten Mordkommission, aber auch in Bezug auf das politische Establishment, die Öffentlichkeit, die in bestimmten Teilen der US amerikanischen Städten fehlende Zivilgesellschaft, aber auch in Bezug auf das Justizsystem, das scheinbar nur durch „Deals“ mit Angeklagten zu einen möglichst schnellen Abschluss der Fälle führen möchte, schließen kann, zeigt eine zerrüttete Gesellschaft auf. Innerhalb der Mordkommission und dessen Vorgesetzten, Polizeipräsident Ervin Burrel, herrschen Rivalität und Gesten der Unterwerfung. Der Drang nach einem Karriereaufstieg wird immer wieder in Gesprächen deutlich.

In der Polizeieinheit scheint lediglich James McNulty, der eine Art Hauptfigur spielt, sich den Regeln der Unterwerfung und Hierarchie nicht so recht hingeben zu wollen. Gleiches gilt für D’Angelo, dem sein Aufbegehren nur deswegen verziehen wird, da er Teil der Familie  Barksdale ist und für ihn der protegierende Ehrencodex gilt. Sein Wille mit der Familie zu brechen und eine andere Identität anzunehmen, wird am Ende durch seine Mutter unterbunden, die ihm zu verstehen gibt, dass er außer der Familie nichts hat. Dies führt schließlich zu seiner Verurteilung.

Zu Anfang der Serie wird schnell deutlich, wie Kontrolle über die Gangmitglieder in Form von Gehorsam, Bestrafung, gesonderter finanzieller Zuwendung, Auslassung von Zahlungen und Drohungen ausgeübt wird. Genau diese Kontrollgesellschaft der Gang versucht die Sondereinheit der Polizei zunächst durch Abhörmaßnahmen zu durchleuchten, um die hierarchischen Strukturen hinter den Straßendealern zu verstehen. Schnell wird deutlich, dass sobald man dem Drogengeld folgt, sich ein viel größerer Abgrund auftut, als es die Kapazität der Sonderermittler zulässt. Hier geht es um politische Einflussnahme, Korruption und Vetternwirtschaft, bis hin zu den obersten Staatsdienern. Der Versuch weiter in diese Richtung Untersuchungen anzustellen, wird jedoch schnell von den Oberen der Polizeieinheit unterbunden, sodass es bei Mutmaßungen und Vermutungen bleiben muss.

Baltimore hat eine der höchsten Kriminalitätsraten in den USA. Neoliberale Marktlogik bedingt, dass dieser Art von Kriminalitätsranking mit einer Art „Gegenranking“ in Form von Aufklärungsraten entgegengesteuert wird. Innerhalb des Systems der Politik, der Justiz und des Polizeiapparats scheint es vor allem letzterer zu sein, der eher von Bürokraten und Statistikern geführt wird. Dies machen die ständigen Verweise auf die Mordratenstatistik und ihre Aufklärung deutlich.

Auf statistischen „Erfolg“ folgt oftmals Ernüchterung, wenn man die realen Ergebnisse „auf der Straße“ betrachtet, so man dies denn überhaupt möchte. An Zynismus kaum zu übertreffen: Morde aus einem vergangenen Jahr können nicht mehr in die aktuelle Statistik übernommen werden, sind also weniger bedeutend. Den oberen Polizeiführern scheint nichts wichtiger, als statistisch gesehen, möglichst eine gute Quote für Politik und Justiz zu bieten. Was macht es da schon aus, mit einem Mörder einen Deal zu vereinbaren oder möglicherweise die falsche Person ein Leben lang hinter Gitter zu stecken, weil sie im falschen Vorort aufgewachsen ist, wenn es der Statistik dient? Für die Polizeieinheit, die in der Statistik am besten Abschneidet warten schließlich Beförderungen.

So scheint es mehr ein Spiel zwischen Dealern und Polizisten zu sein, wo jeder mal gewinnen kann, was u.a. auch den coolen und fast schon brüderlichen Ton untereinander ausmacht, der bei Verhören oder Festnahmen wahrzunehmen ist. Man spricht eben die selbe Sprache, wuchs in der selben Gegend auf und hat sich „zufällig“ in zwei unterschiedliche Richtungen entwickelt. All das ist, wie so oft erwähnt, „part of the game“.

Ein Spiel, das für die Oberen des Drogenkartells wie ein 9 to 5 Job mit vereinzelten Überstunden gezeichnet wird, bei dem es allerdings auch ab und an sein muss, dass ein Gangmitglied, das selbst unter Verdacht geraten ist unloyal geworden zu sein, (wie zum Beispiel der 16 jährige Wallace) erschossen wird. Gleichzeitig scheint es selbstverständlich, dass Amtsmissbrauch in Form von Prügel bei Verhören, geduldet, wenn nicht gar verlangt wird, wenn es der Sache, also der Aufklärung eines Falls, dient. Auch dies scheint „part of the game“ zu sein. Eine moralische Überlegenheit der Polizeieinheit, sowie eine Unterscheidung in Gut und Böse, scheint nicht möglich. Zwar ist es immer wieder die Polizeieinheit, die die Geschichte voran treibt, da sie auch aus ihrer Perspektive erzählt wird, jedoch gelingt es dem Kartell immer wieder durch Vorsichtsmaßnahmen (z.B. werden die Piepser irgendwann abgeschafft, weil sie unter Verdacht stehen, abgehört zu werden) die Arbeit der Polizeieinheit neu zu definieren.

Machtmissbrauch wird auf Seiten der Polizei schon auf unterster Ebene verlangt und wird bis in die oberste Ebene fortgeführt, ohne dass größere Konsequenzen folgen. In den Reihen der Gang jedoch hat Machtmissbrauch, der von den Oberen immer als Vertrauensmissbrauch und somit als Gefahr wahrgenommen wird, unter Umständen folgenschwere Konsequenzen. Für D’Angelo führte der Vertrauensverlust zu Anfang dazu, dass er degradiert wurde und in den wenig ertragreichen Wohnhäuserblocks als Geldeintreiber der Runner agieren muss.

Bei all der Durchleuchtung der Gangstrukturen wird das große Problem der süchtigen Konsumenten kaum betrachtet. Ihnen ist es egal, von wem sie ihre Drogen bekommen, solange sie sie erhalten. Durch ihre Sucht müssen sie die schlechte Qualität der Drogen, mögliche Folgekrankheiten, Prostitution und steigende Preise in Kauf nehmen. Lediglich in Form des Charakters des Polizeiinformanten Bubbles, der vereinzelt ein Aussteigerprogramm besucht, allerdings ohne größeren Erfolg, wird diese Problematik angesprochen. Jedoch passt dies sehr gut in die bestehenden Machtverhältnisse, denn die Drogensüchtigen, durch die sich die Drogendealer bereichern und die Sondereinheit legitimiert, sind am untersten Ende der Kette, ohne eine „Vertretung“ oder eine „Lobby“, die ihre Interessen vertreten kann oder aber möchte. Wenn man von einem Krieg gegen die Drogen und ihre Kartelle spricht, sich aber, wie wir am Ende der Staffel sehen, nichts grundlegend ändert, wenn sogar Drogenbosse verhaftet werden, dann muss man sich fragen, gegen wen sich dieser Krieg eigentlich richtet. Eine mögliche Antwort ist eben genau diese Underclass, die in den verelendenden Vororten der US amerikanischen Großstädten ihr Dasein fristen, weil sie von der übrigen Öffentlichkeit abgekoppelt und nicht wahrgenommen werden.

Dass es im Fall von The Wire meistens Drogensüchtige sind, die ebenso wie die Mitglieder des Kartells im gleichen Viertel aufgewachsen sind, schreckt das Kartell nicht ab, genau hier ihre Drogen zu verkaufen, da sie ihre Konkurrenz niedrig halten können, sie sich ihrer Macht bewusst sind und sich bestens mit den Lokalitäten auskennen.

Es überrascht auch nicht, dass die Oberen des Kartells eine bessere Bildung genossen haben, sich weiterhin fortbilden und mittlerweile in gepflegten Wohngegenden leben. Zum Einen dient es dem Zweck der Tarnung, zum Anderen ist es aber auch unabdingbar, dass das Drogengeld durch legale Geschäfte gewaschen werden muss, für deren Erhalt es einen gewissen Grad an markwirtschaftlichen Kompetenzen bedarf, ohne die das Kartell nicht aufrecht erhalten werden kann.

Armut und Elend ist zwar in der Serie präsent, scheint aber nicht als Problem wahrgenommen zu werden – im Gegenteil. So werden verlassene Wohnungen als Drogenverstecke genutzt und der Schutz der Hochhäuser als Ort des Drogenverkaufs. Armut und Elend scheint notwendig – ohne dass sich irgendjemand darüber beschwert. Der 16 jährige Wallace scheint bereits das Familienoberhaupt von 5 bis 6 Geschwistern zu sein, an die er morgens, bevor sie zur Schule gehen, Frühstück verteilt und ihnen nachmittags bei den Hausaufgaben hilft. Was nach seinem Tod durch seine beiden Freunde mit den Kindern wird, bleibt offen, ebenso, wer sich in der Zeit seiner Abwesenheit (er verbringt einige Tage bei seiner Großmutter auf dem Land) um sie kümmert.

Sein Wunsch, aus dem Netzwerk auszusteigen, wird nicht toleriert. Neben Wallace wollte auch D’Angelo aussteigen, tat dies aber nicht. Genau hier gerät die Staffel in Widerspruch mit den uramerikanischen Werten, nämlich der Möglichkeit, irgendwo in den USA eine neue Existenz aufzubauen sich von unten nach oben zu arbeiten.

Fazit

Dass das beschriebene Ideal nichts mit den real existierenden Möglichkeiten der marginalisierten schwarzen Underclass der Vororte zu tun hat, wird eben durch die Unmöglichkeit des Ausstiegs aufgezeigt. Dies sehe ich als Stärke der Staffel an. Überhaupt überzeugt die Serie in den Punkten, dass sie aufzeigt, dass Macht und Hierarchie weder auf Seiten der Polizeieinheiten, noch auf Seiten der Drogenkartelle in Frage gestellt wird. Auf Seiten der Polizeieinheit gibt es lediglich die Unterscheidung zwischen denjenigen, die ihren Job „gut“ machen wollen und denen, die sich über bezahlte Überstunden freuen, dabei möglichst wenig arbeiten und möglichst schnell die Karriereleiter heraufklettern wollen.

Dass es für einen „fleißigen Drogenrunner“ ebenso wenig Aufstiegsmöglichkeiten wie für einen „fleißigen Polizeibeamten“ gibt, zeugt von einer Kritik eines zerrütteten Systems, das sich von einer Krise in die andere rettet, vermeintlich ohne Auswegmöglichkeit.

Beide sind Teil eines doppelwertigen Systems, beide sind „part of the game“.

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