Alan N. Shapiro, Visiting Professor in Transdisciplinary Design, Folkwang University of the Arts, Essen, Germany

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“Lost”: eine Typisierung der weiblichen Hauptcharaktere, von Melissa Maier

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Die 1. Staffel von LOST im Überblick mit einer Typisierung der weiblichen Hauptcharaktere.

Im September 2004 wurde die 1. Staffel der US TV-Serie LOST erstmals im amerikanischen Fernsehen ausgestrahlt. Diese Staffel ist sehr wichtig für das weitere Verständnis der Serie, da LOST zunehmend mit wiederkehrenden Symbolen und Elementen arbeitet und den Zuschauer mit vielen offenen Fragen konfrontiert, die erst im weiteren Verlauf der Serie beantwortet werden. Der Zuschauer erhält ebenso die Möglichkeit die Charaktere, sowie die Umgebung von LOST näher kennenzulernen. Dies ist vor allem für den letzten Teil des Aufsatzes wichtig, da hier eine Typisierung der weiblichen Hauptcharaktere vorgenommen wird. Denn die Frauen in LOST verkörpern bereits in der 1. Staffel verschiedene, jedoch typische, Frauenbilder. Zunächst wird jedoch ein kurzer Überblick der Haupthandlungsstränge wiedergegeben.

LOST dreht sich zu Beginn um 48 Menschen, die den Absturz des Flugs 815 der „Oceanic Airlines“ überleben. Es handelt sich dabei um einen Routineflug von Sydney, Australien nach Los Angeles, USA. Doch das Flugzeug kommt dabei vom Kurs ab, gerät in Turbulenzen und stürzt letztlich auf einer unbekannten Insel ab. Bei diesem Absturz bricht das Flugzeug auseinander, weshalb man in der 1. Staffel von LOST nur einen Teil der Überlebenden von 815 zu sehen bekommt.

Der Zuschauer verfolgt also zunächst die Gruppe der Überlebenden um Jack Shepard, der die Rolle des Anführers übernimmt, und beobachtet sie dabei, wie sie versucht ihr „neues“ Leben auf der Insel zu organisieren. Dabei geht es beispielsweise um den Aufbau einer sicheren Unterkunft, welche sich anfänglich am Strand befindet, später jedoch in nahegelegene Höhlen umquartiert wird. Zusätzlich geht es auch um die Frage der Versorgung der Überlebenden, nachdem kurze Zeit später die Wasser-, aber auch Essensvorräte aus dem Flugzeug knapp werden. Desweiteren muss geklärt werden, was mit den Opfern im Flugzeugwrack passieren soll und es müssen Gepäckstücke nach notwendigen Dingen durchsucht werden. Diese Organisation beinhaltet zwangsläufig auch die Entdeckung der Insel, nachdem sich beispielsweise einige der Überlebenden auf die Jagd nach wilden Tieren machen, um für Essen zu sorgen. Der Zuschauer lernt dabei, zusammen mit den Überlebenden, die Insel Stück für Stück näher kennen. So stellt sich zum Beispiel heraus, dass es ein Monster auf der Insel gibt, aber auch Eisbären und Wildschweine.

Im weiteren Verlauf treffen die Überlebenden jedoch auch auf eine andere, menschliche Inselbewohnerin namens Danielle Rousseau. Sie ist eine Französin, die bereits seit 16 Jahren auf der Insel lebt, nachdem sie mit ihrer Crew Schiffbruch erlitten hatte. Danielle ist diejenige, die den Passagieren von 815 mitteilt, dass sie trotzdem nicht die einzigen Menschen auf der Insel sind, denn es gibt noch die sogenannten „Anderen“. Schon bald kommt es daraufhin zur ersten Konfrontation mit einem dieser „Anderen“: Ethan Rom. Dieser hat sich unbemerkt in die Gruppe der Überlebenden eingeschlichen mit bösen Absichten. Ethan bildet aber nur den Startschuss für viele weitere Begegnungen innerhalb der LOST-Story zwischen den „Anderen“ und den Überlebenden.

Gegen Ende der 1. Staffel kommt es außerdem zu dem Versuch einer Flucht mithilfe eines Floßes. Michael, einer der Überlebenden, hat es gebaut, um seinen Sohn Walt von der Insel zu schaffen. Zusammen mit zwei weiteren Männern, Jin und Sawyer, sticht er letztlich in See. Der Fluchtversuch scheint anfangs erfolgreich zu sein, da sie wenig später auf ein Motorboot treffen. Doch die vermeintliche Rettung entpuppt sich schnell als Desaster, da es sich bei den Personen auf dem Motorboot um „die Anderen“ handelt. Walt wird kurzerhand von ihnen entführt, das Floß wird in die Luft gejagt und die drei Männer werden ihrem Schicksal überlassen. Erst in der 2. Staffel von LOST wird sich nun herausstellen, ob Michael, Jin und Sawyer diesen Angriff der „Anderen“ überlebt haben und was mit Walt passiert ist.

Währenddessen erfahren die restlichen Überlebenden auf der Insel von einer Luke. Diese wurde bereits zu einem früheren Zeitpunkt von Locke und Boone entdeckt, aber diese hielten ihren Fund zunächst geheim. Da die Beiden es aber nicht schaffen die Luke allein zu öffnen, weil diese keinen Griff zum Öffnen aufweist und um sich vor einem vermeintlichen Angriff „der Anderen“ zu schützen, geben sie ihr Geheimnis preis. Die Gruppe der Überlebenden will nun jene Luke mit Dynamit sprengen. Mit dem Öffnen der Luke endet letztlich die 1. Staffel von LOST.

Der Zuschauer lernt während der 1. Staffel außerdem die Überlebenden des Flugs 815 besser kennen, das meist durch gezielt eingesetzte „Flashbacks“ passiert. Beinahe jede Episode setzt einen anderen Charakter der Gruppe in den Mittelpunkt, wodurch der Zuschauer immer mehr über die Überlebenden erfährt, vor allem über deren Vergangenheit. Aber letztlich lernen sich auch die Charaktere gegenseitig kennen, wodurch sich Freundschaften, beispielsweise zwischen Kate und Jack, aber auch Feindschaften, wie zwischen Sawyer und Saiyd, entwickeln. Im Folgenden lässt sich dazu einiges über die weiblichen Hauptcharaktere erfahren, die innerhalb der 1. Staffel jeweils ein bestimmtes Frauenbild vertreten.

Das „klassische Hollywood-Frauenbild“

Die Blondinen Shannon Rutherford und Claire Littleton lassen sich nicht nur optisch, sondern auch narrativ in das „klassische Hollywood-Frauenbild“ einordnen, da sie verstärkt stereotype, weibliche Eigenschaften verkörpern.

So sind die beiden Frauen beispielsweise äußerst hilflos und schwach, denn Shannon leidet an lebensbedrohlichem Asthma und Claire ist im 8. Monat schwanger. Diese Ausgangssituation signalisiert bereits, dass sie abhängig sind von der Hilfe der anderen Überlebenden. Claire benötigt häufig die Hilfe von Charlie als ihr neuer Freund, sowie von Jack als ihr Arzt. Ihre Abhängigkeit vom starken, männlichen Geschlecht ist stets präsent. Aber auch Shannon wird überwiegend von ihrem Bruder Boone umsorgt, nicht nur wegen ihrem Asthma, sondern weil sie generell nicht in der Lage ist für sich selbst zu sorgen. Doch im Gegensatz zu Claire, die wie das nette Mädchen von nebenan wirkt, verkörpert Shannon eine relativ egoistische Zicke mit starken „Diva-Allüren“.

Beide Frauen sind zudem äußerst passiv. So kümmert sich Shannon nur um sich selbst und man sieht sie hauptsächlich beim Sonnen baden oder beim Lackieren ihrer Fingernägel. Sie legt demnach sehr viel Wert auf ihr Äußeres und es verdeutlicht nochmals ihre ausgeprägte feminine Art. Außerdem wirkt sie dadurch sehr oberflächlich, dass durch die Tatsache, dass Shannon Amerikanerin ist, verstärkt wird. Claire ist ebenso eher passiv, was aber überwiegend auf ihre Schwangerschaft zurückzuführen ist. Sie ist trotzdem sehr sozial engagiert, weshalb sie beispielsweise eine Gedenkfeier für die Opfer des Flugzeugabsturzes abhält. Trotzdem sind beide Frauen sehr naiv, da sie lange an dem Gedanken an Rettung festhalten. Diese Naivität spiegelt sich bei Claire auch in ihrem Glauben an Astrologie und Horoskope wieder. Dieser Aberglaube ist zudem eine sehr stereotype, weibliche Eigenschaft.

Wie bereits erwähnt verkörpern die beiden Blondinen aber auch auf visueller Ebene das „klassische Hollywood-Frauenbild“ à la Marylin Monroe. Beide sind attraktiv, schlank und blondhaarig. Sie sind die meiste Zeit hübsch anzusehen, da sie fast immer die Haare zurechtgemacht haben und Schmuck tragen. Shannon sieht man häufig in typischen Mädchenklamotten wie in Kleidern oder im Bikini, die dann auch noch überwiegend in Rottönen wie pink oder orange gehalten sind. Diese Kleiderwahl betont neben ihrer Weiblichkeit, auch ihre femininen Reize. Bei Claire ist das ähnlich. Sie ist ebenso häufig in kurzen Kleidern oder Röcken zu sehen. Zudem trägt Claire das wohl stärkste Zeichen der Weiblichkeit: ihren Schwangerschaftsbauch.

Folglich lässt sich sagen, dass beide dem „klassischen Hollywood-Frauenbild“ zuzuordnen sind, da sie die Haupthandlung von LOST mit ihrem Verhalten und ihren Eigenschaften nicht vorantreiben, sondern sie teilweise sogar ins Stocken bringen. Dennoch entwickeln sich beide etwas weiter und haben den Moment einer symbolischen „Wiedergeburt“: so muss Shannon nach dem Tod ihres Bruders Boone plötzlich selbst für sich Verantwortung übernehmen und Claire wird letztlich vom „kleinen“ Mädchen zur Mutter als sie ihren Sohn Aaron gebärt. Diese Entwicklung geschieht trotzdem nur innerhalb ihrer Rolle und geht nicht darüber hinaus. Sie bleiben also weiterhin Teil des „klassischen Hollywood-Frauenbilds“, da Shannon kurze Zeit später Zuflucht und Geborgenheit bei Sayid findet und Claire nur mithilfe von Charlie und den anderen Überlebenden ihr Baby großziehen kann.

Das traditionelle Frauenbild

Sun-Hwa Kwon verkörpert innerhalb der LOST-Story das traditionelle Frauenbild mit stereotypen Eigenschaften, die dem weiblichen Idealbild vergangener Tage entsprechen. Demnach hat Sun die Rolle der unterwürfigen, liebenden Ehefrau inne.

Sie ist vollkommen abhängig von ihrem Ehemann Jin, der sie stark bevormundet und unterdrückt. Suns Charakter ist daher eher passiv. Aus diesen Gründen hat sie lange Zeit keinen Kontakt zu den anderen Überlebenden, obgleich sie diesen gerne hätte. Jin untersagt ihr aufs Schärfste sich den anderen zu nähern. Diese Abgrenzung wird nochmals intensiviert durch die Tatsache, dass Sun und Jin nur koreanisch sprechen. Sun lässt nichtsdestotrotz alle Strapazen ihres Mannes ruhig über sich ergehen, da sie scheinbar an der Liebe zu ihm festhält und immer noch die gehorsame, treue Ehefrau ist. Desweiteren kennt sich Sun gut mit Kräutern und Pflanzen aus, weshalb sie später sogar einen eigenen Garten für die Überlebenden anlegt. Ihr zusätzliches Wissen über die pflanzliche Heilkunde betont nochmals das traditionelle Frauenbild das Sun verkörpert und signalisiert die dafür wichtigen Werte: Garten, Haus, Kind. Letzteres kommt vor allem zum Ausdruck als Michael im weiteren Verlauf seinen Sohn Walt in Suns Obhut gibt. Sie soll sich um ihn kümmern, während er sich mit den anderen auf Wildschweinjagd begibt.

Doch auch bei Sun lässt sich nicht nur auf narrativer Ebene das traditionelle Frauenbild erkennen, sondern auch visuell. So trägt sie vor allem zu Beginn der 1. Staffel von LOST zugeknöpfte und hochgeschlossene Kleidung, was zum Einen ihre Treue gegenüber ihrem Mann und zum Anderen ihre Keuschheit zum Ausdruck bringt. Trotzdem ist ihre Kleidung stets weiblich, denn sie trägt Röcke und sehr helle Farben wie violett oder weiß. Auch ihre Haare sind immer ordentlich zurechtgemacht, was zeigt, dass sie Wert auf ihr Äußeres legt.

Im weiteren Verlauf wird jedoch klar, dass Sun ein Geheimnis hat: sie spricht nicht nur koreanisch, sondern auch die Sprache der anderen Überlebenden. Dies ist der erste Schritt in ihre Unabhängigkeit von Jin, weshalb man sagen kann, dass auch Sun eine Entwicklung durchmacht. Ihr symbolischer Moment findet statt als sie völlig frei im Bikini am Strand steht, was für sie früher durch die dominante Unterdrückung und Bevormundung von Jin undenkbar gewesen wäre. Trotzdem geschieht auch Suns Entwicklung nur innerhalb ihrer Rolle und geht nicht darüber hinaus. Sie hält an der Liebe zu Jin fest und bleibt weiterhin die treue Ehefrau, obwohl sie nun selbstbewusst nicht mehr alles einfach so hinnimmt was Jin ihr sagt.

Das moderne Frauenbild

Katherine Anne Austen, kurz „Kate“, ist die Letzte der vier weiblichen Hauptcharaktere von LOST und mit ihrem Erscheinen in jeder einzelnen Episode der 1. Staffel verkörpert sie demnach auch die wichtigste weibliche Figur der gesamten Story. Während die anderen Protagonistinnen daher eher einfach zu kategorisieren sind, ist Kate deutlich komplexer. Ihr Charakter trägt Eigenschaften der anderen Frauen in sich, aber sie weist auch ganz eigene Merkmale, die eher maskulin besetzt sind, auf.

Der Zuschauer lernt Kate als intelligente, mutige, junge Frau kennen, die unabhängig ist und stets das tut, was sie will. So ist sie auch beispielsweise die einzige Frau, die ein großes Interesse an den Dschungelexpeditionen hat und häufig mit dabei ist. Allein dadurch wirkt Kate äußerst aktiv, weshalb sie schnell die Rolle der weiblichen Anführerin einnimmt. Kate hat jedoch auch feminine, häusliche Eigenschaften, da sie zum Beispiel nähen kann. Generell ist sie aber nicht die „typische“ Frau wie etwa Shannon, Claire oder Sun. Dies zeigt sich vor allem auch durch Kates Vergangenheit als Strafgefangene. Auch ihre physikalische, fast männliche Stärke setzt sie öfters unter Beweis, zum Beispiel als sie Sawyer einen Schlag mit dem Ellenbogen verpasst nach einem „geklauten“ Kuss.

Ihr visuelles Erscheinungsbild zeigt ebenso Kates Modernität. Sie trägt selbstbewusst meistens dunkle, männliche Farbtöne wie grün oder braun. Auch die Art der Kleidung beschränkt sich auf Hosen und T-Shirts, aber niemals einen femininen Rock oder gar ein Kleid. Auch ihre langen Haare, die eigentlich sehr weiblich wären, trägt sie stets im Pferdeschwanz fest zusammengebunden. Trotzdem wird visuell auch ab und zu Kates weibliche Seite zum Vorschein gebracht, was beispielsweise durch geöffnete Knöpfe ihres Oberteils zu sehen ist. Dies bringt wiederum einen Hauch Sexualität mit ins Spiel und ihre weiblichen Reize stechen hervor.

Kate durchläuft meist in jeder LOST-Episode mehrere Phasen mit unterschiedlichen Gender-Identitäten. So verkörpert sie auf der einen Seite die moderne Frau des 21. Jahrhunderts, die überwiegend durch ihre unabhängige, starke Art glänzt und dabei sehr maskulin wirkt, doch auf der anderen Seite ist sie eben „nur“ ein typisches Mädchen, dass viel zu emotional, schwach und verletzlich ist. Dieser ständige Wechsel der Identitäten macht Kates Suche nach sich selbst deutlich, vor allem nach ihrem weiblichen Platz in der Gesellschaft. Es scheint als befinde sich Kate in einer Art „Identitätskrise“, die sowohl narrativ als auch visuell deutlich wird. Kate ist letztlich die einzige Frau, die am Ende der 1. Staffel von LOST keine sichtbare Entwicklung durchgemacht hat. Sie ist immer noch auf der Suche.

Fazit

Alle vier weiblichen Hauptcharaktere lassen sich in unterschiedliche, jedoch sehr typische Frauenbilder einordnen. Sie verkörpern und spielen mit vielen Klischees der heutigen Zeit, die sich aber nicht nur auf die LOST-Frauen beschränken, sondern auch bei den männlichen Protagonisten gefunden werden können. Mit der jeweiligen Entwicklung, die Shannon, Claire und Sun während der 1. Staffel durchmachen, entwickeln sie sich innerhalb ihres Frauenbilds weiter, doch letztlich entkommen sie ihm nicht. Sie sind immer noch ein Bestandteil davon. Kate hingegen hat ihren weiblichen Platz in der Gesellschaft noch längst nicht gefunden, weshalb sie nach Ende der 1. Staffel noch immer nicht sehr viel weitergekommen ist bei ihrer Suche nach sich selbst und es stellt sich die Frage, ob sie je ankommen wird.

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