Alan N. Shapiro, Visiting Professor in Transdisciplinary Design, Folkwang University of the Arts, Essen, Germany

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Ein Garten der Hypermoderne, von Sebastian Sowa

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Ein Garten der Hypermoderne

Gedanken von Sebastian Sowa

Wie sieht der Garten der Hypermoderne aus?

Wenn es darum geht, den Garten der Hypermoderne zu beschreiben oder besser gesagt zu entwerfen, macht es Sinn sich klar zu machen, was in diesen beiden Begriffen steckt und was das für die Fragestellung bedeutet.

Ich komme vom Garten her und versuche mich zunächst an einer Definition des Gartens. Der Garten ist ein Raum der Freiheit. Das mag überraschen, aber ich finde eine Definition des Gartens, sollte zunächst vom Gebrauch und nicht von der Gestalt ausgehen. Also der Garten: Ein durch Einfriedung in Besitz genommenes Stück Land, in dem man frei ist Dinge zu tun, die man außerhalb des Zaunes oder der Hecke, nicht tun kann. Diese Beschreibung könnte auch auf ein Haus zu treffen oder eine Wohnung. Wichtig ist dazu also der Umstand, das man im Garten der Natur begegnet und den natürlichen Prozessen ausgesetzt ist1. Zur Freiheit kommt also die Natur. Freiheit und Natur sind zwei Schlüsselbegriffe des Gartens.

Die Hypermoderne ist von extremer Geschwindigkeit, von Virtualität geprägt. Von Abstraktion und von Entfernung. Zugespitzt könnte man sagen, das sich hier zwei Welten recht unversöhnlich gegenüber stehen, die unterschiedlicher kaum sein könnten. Beispiele für gelungene Hybride in der Gartenwelt, sind mir persönlich nicht bekannt.2

Das Verhältnis von Garten und Landschaft und der Hypermoderne lässt sich vereinfacht in 3 Konzepten denken, die im folgenden weiter ausgeführt werden.

1. Der Garten als Gegenentwurf zur Hypermoderne

2. Der Garten und die Hypermoderne als Hybrid

3. Der hypermoderne Garten

1. Der Garten als Gegenentwurf zur Hypermoderne

Aus der Opposition, die der Garten mit seinem Wesen, sowie wir dieses als ein langsames, kontinuierliches, erdverbundenes verstehen, zur Hypermoderne einnimmt, kann man ableiten, das ein Hybrid oder sogar ein hypermoderner Garten ein Ding der Unmöglichkeit ist. Warum soll ein Garten schnell sein, warum virtuell? Warum nicht ortsgebunden? Alles das was den Garten ausmacht, was den Garten auch schon durch alle Epochen hindurch zu einem Abbild des Paradieses hat werden lassen, wird von der Hypermoderne konterkariert. Die These steht im Raum, das die Qualitäten der Hypermoderne sich negativ auf den Garten auswirken. Eine These die heute anscheinend gebilligt wird. Eine binäre Logik die tatsächlich gelebt wird. Dort die Welt des Gartens, die mit einer Welt des Natürlichen gleichgesetzt wird, die eine Gegenwelt ist, zu der zunehmend digitalisierten, urbanen Lebenssituation.

Ein schönes Bild ist hier im übrigen das Holodeck aus Star Trek. Die Tür öffnet sich und man ist in einer anderen Welt. Einer Welt, die in meiner Erinnerung häufig in einem extremen Gegensatz zu der Erscheinung des Raumschiffs steht. Dort Kunststoff, Monitore, Lampen und Nylon. Auf der anderen Seite Bäume, Holz, Steine und Leder. Es gibt dort keine Übergangszone, keine Vermischung. Jack Wolfskin wirbt mit „Draußen zu Hause.“ und wendet sich mit seinen Models an junge, dynamische Menschen, die doch eigentlich in einer zunehmend digitalisierten Welt zu Hause sind und ziemlich sicher nicht auf einer weiten Hochebene in Zentral-Lappland. Eine der letzten Werbekampagnen für das Apple-Iphone zeigte großformatig mit iPhones geschossene Fotos. Es waren fast ausschließlich Bilder, die in scheinbar unberührter Natur gemacht wurden. Dahinter steckt doch die Frage: Entsteht in einer zunehmend digitalisierten, hypermodernen Welt eine wachsende Sehnsucht nach Natürlichkeit, nach Haptik, nach Sinnlichkeit, Griffigkeit und kontinuierlicher Alterung.

Wenn man diesem zustimmt, dann kann man annehmen, das diese beiden Welten sich gegenüber stehen. Man braucht das Eine und das Andere. Das gute Leben scheint eines zu sein, in dem sich beide Welten in größtmöglicher Flexibilität ineinander verschachteln, sich aber nicht ineinander auflösen. Die Unterscheidung eines Nebeneinander und Ineinander erscheint mir für dieses Konzept sehr wichtig.

2. Der Garten und die Hypermoderne als Hybrid

Wie kann beides zusammen kommen. Wie kann es ein gleichzeitiges, koexistierendes Nebeneinander der wesentlichen Qualitäten des Gartens und der Hypermoderne geben? Das Sinnliche und das Langsame auf der einen, das Schnelle auf der anderen Seite.

Bislang ist eine Integration der digitalen Welt in den Garten nicht wirksam vollzogen. Auch heute schon werden Nährlösungen und Kunstdüngeinjektionen per Smartphone in die Pflanzgefäße gespritzt. Computer steuern klimatische Bedingungen in ganzen Gewächshäusern3 oder filtrieren Wasser in Bassins, wenn bestimmte Grenzwerte überschritten werden. Immer aber bleibt die digitale Technik, bleibt sie Mittel zum Zweck. Eine ästhetische Qualität wird diesem Feld nicht zuerkannt.

Wenn man das Gedankenexperiment einer gestalterischen Implementierung des Digitalen in die Welt des Gartens ganz klein beginnt, dann kann es Gärten geben, in denen Bildschirme und Projektionsflächen, das Digitale abbilden könnten. Selbst dieser sehr schlichte Gedanke wurde meines Wissens nach, zumindest im professionellen Bereich, noch nicht gewagt. So banal es zunächst klingt, würde ich trotzdem denken, das es für den Gestalter von Garten und Landschaft ein ungemein spannendes neues Feld sein könnte, das man beackern kann. Spannend fände ich Räume in denen die Ästhetik des Digitalen, mit der natürlichen Ästhetik in einen Dialog tritt. Die digitale Räume nur zur Reproduktion natürlicher Schönheit zu verwenden, scheint dagegen zum Scheitern verurteilt. Gestalter, die den Hybrid wollen, müssen der Hypermoderne trauen und sie kraftvoll einsetzen. Ich denke, das insbesondere die baulichen Strukturen in Garten und Landschaft neu gedacht werden können. Wenn sich das Digitale dort manifestiert, dann muss die Landschaft in diesem neuen Zusammenhang gedacht und Entworfen werden.

3. Der hypermoderne Garten

Was kann der hypermoderne Garten sein? Diese Gedanken entfernen sich soweit von meiner orstellung des Gartens, dass ich nicht mit Sicherheit argumentieren kann. Es sind Vermutungen und Ideen, was es sein könnte.

Die erste These, die mir in den Kopf kam war: Der virtuelle Raum selbst, muss der Garten sein. Die Annahme einer, zwangsläufig, haptischen Sinnlichkeit des Gartens gilt dann nicht mehr. Die Frage ist, ob die Virtualität eine mimetische Annäherung an den heutigen Garten ist oder eine völlig neue Ästhetik entwickelt werden kann.

Die zweite These ist die der digitalen Wucherung. Ist nicht ein Wesen des Gartens, dass wir einer Intelligenz gegenüber stehen, die keine menschliche ist. Ist nicht das ganze gärtnerische Handeln eine Auseinandersetzung mit natürlichen Prozessen, mit einer nichtmenschlichen Bewegung? Verortet sich nicht jeder Gärtner gerade in dem Zu – oder Unterlassen dieser Bewegung?

Wenn es künstliche Intelligenz gibt und diese Etwas wachsen lässt, etwas in Bewegung versetzt, was nicht durch den Menschen bewegt wurde, ist dieses Zufällige, Ungeplante, Unvorhersehbare und der Umgang damit nicht etwas zutiefst gärtnerisches?

Das erste Konzept erzeugt viel Kopfnicken, wenn ich meinen Bekannten davon erzähle. Es ist Teil meines und des alltäglichen Lebens. Als Gärtner und Landschaftsarchitekt bin ich, im Rückgriff auf das Paradies, in einer Haltung ausgebildet worden, der Welt etwas entgegenzusetzen um Gleichgewichte zu entwickeln.

Das zweite Konzept erscheint momentan noch wie ein Tabu. Eine Frage der Zeit, bis das Digitale den Garten verändern wird, ihn bereichern wird und ihm auch schaden wird. Es macht Spaß darüber nachzudenken und damit zu experimentieren.

Wegen des dritten Konzepts muss ich noch viel lesen.

NOTES

1 Je nach Gärtner in ganz unterschiedlichem Grad.

2 Wohingegen unser alltägliches Leben so viele hybride Beziehungen kennt. Ich beispielsweise bewege mich mit
Smartphone und Internet und mit Fahrrad und Bus und Bahn sehr effektiv durch das Ruhrgebiet. Der Garten scheint
ein renitent konservativer Ort zu sein.

3 Insofern sind Gewächshäuser vielleicht die progressivsten Gärten, weil hier nicht versucht wird, die digitale und auch industrialisierter Technik zu verstecken. Dazu ein Artikel in der Aachener Zeitung. http://www.aachener-zeitung.de/lokales/region/das-gewaechshaus-das-aussah-wie-ein-ufo-1.1232580

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