Alan N. Shapiro, Autonomy in the Digital Society

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Die Zeit sind wir, von Sophie Gnest

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Die Zeit sind wir, von Sophie Gnest

Wenn ich vor dem Rechner sitze und im Internet recherchiere, Suchbegriffe eintippe, durch einen Text scrolle, einen Link im neuen Tab öffne, ein Video ansehe, einen neuen Gedanken verfolge, vergeht die Zeit für mich wie im Flug. Dagegen bin ich beim nach Hause kommen von einem Spaziergang immer wieder von der langsam vergehenden Zeit überrascht, als ich über nasses Laub gelaufen bin, die Eichhörnchen in den Bäumen verfolgt habe, mich auf einen Baumstamm gesetzt habe, einen Gedanken verfolgt habe.

In beiden Situationen suche ich nach Inspiration, nach Ideen, nach neuen Gedanken. Mein Gehirn ist bei beiden Situationen vermutlich gleich beansprucht, doch meinen Körper benutze ich grundlegend anders. Am Rechner nehme ich ihn kaum wahr, nur meine Finger gleiten über die Tasten und von Zeit zu Zeit ändere ich meine Sitzposition. Im Wald spüre den Wind, die Temperaturen, Geräusche – Faktoren, die ich wiederum nicht beeinflussen kann, wie wenn ich vor dem Rechner der vermeintliche Herr aller Dinge bin. Der Computer spuckt mir zwar immer wieder neue Informationen aus, die ich zum Teil nicht mal gesucht und damit nicht beeinflusst habe, er berührt aber nie alle meine Sinne. Mein Körper nimmt den virtuellen Raum nicht als physischen wahr, in dem er sich bewegen und ich ihn damit spüren kann.

Eine Tätigkeit, bei der wir unseren Körper wahrnehmen, verlangsamt die Zeit, sagen Zeitforscher. Diese Erkenntnis könnte uns die Möglichkeit geben, ein individuelles Zeitgefühl (wieder) zu erlangen. Durch diese Information können wir erkennen, dass – wie auch unser von Geschwindigkeit geprägtes Weltbild veränderbar ist – ebenso unser Zeitempfinden nicht für alles und jeden gleich und damit beeinflussbar ist.

Nicht nur mein Körper ist vor dem Rechner anderen Reizen ausgesetzt. Im Netz stoße ich darüber hinaus auf weitere interessante Informationen, die oft auch immer weniger mit meinem eigentlichen Thema zu tun haben – ich komme von Hölzchen auf Stöckchen. Im Wald werde ich nicht mit Informationen berieselt, höchstens zur Flora und Fauna, allerdings ist mein Kopf freier, um Erinnerungen, Assoziationen aufkommen zu lassen, die viel mehr mit meinem Inneren zu tun haben. Vielleicht ist die Beschäftigung mit und die Reflexion über sich selbst auch ein Indikator dafür, dass die Zeit langsamer voranschreitet.

Ist das Internet gar nicht das richtige Medium für den Menschen, zumindest in der Weise, wie wir es im Moment nutzen? Das Netz ist zwar vom Aufbau mit unserem Gehirn zu vergleichen, das immer wieder neue Vernüpfungen bzw. Verlinkungen erzeugt, allerdings führt der körperlose Umgang und damit das schnelle Vergehen der Zeit plus die unendliche Masse an Informationen eher zur Überforderung als zu einem Lern- oder Erkenntnisprozess. Zumindest von mir kann ich behaupten, dass das Meer an Informationen manchmal meinen Kopf zu überfluten scheint. Alans Überzeugung, dass wir erst durch Zeit an Wissen gelangen, und dies rein gar nichts mit der Aufnahmen von Informationen im Informationszeitalters zu tun hat, zeigt mir wieder, dass ich mir schlicht Zeit nehmen muss. Diese Zeit kann ich mir wohl nur im Leben außerhalb des Internets nehmen. Diese Pause von Informationen, die Stille ist vonnöten. An solch eine Pause gelangt man vielleicht gerade in der Natur, denn in den meisten Situationen in unserer Gesellschaft geht es eher um Geschwindigkeit statt um das Schweigen.

Paul Virilio sprach vom „rasenden Stillstand“. Er erklärte unsere Zeit, nachdem neue Technik und schnellere Mobilität in der Vergangenheit zu immer mehr Beschleunigung führten, als das Ende der zunehmenden Geschwindigkeit. Die Medien sind durch Übertragung in Lichtgeschwindigkeit schneller geworden als die menschliche Wahrnehmung. Virilio diagnositziert daher das Verschwinden des Raumes. Doch nicht nur der Raum, der auf dem Bildschirm nicht erlebbar ist, verschwindet, mit ihm auch das Gefühl von Zeit, denn alles findet in Echtzeit, also in diesem Augenblick statt. Der Stillstand äußert sich bei den einen lediglich in der Überforderung zum Beispiel im Internet, bei den anderen mündet es sogar in Burnout und Depressionen. Steigen deshalb diese Erkrankungen seit Jahren an?

Ich bemerke diesen Stillstand oft, wenn ich im Internet unterwegs bin. Die Zeit rast, während ich von meiner Recherche immer wieder abgelenkt werde, ich zwar Informationen finde, diese aber in der schnell vergehenden Zeit nicht richtig verarbeiten kann bzw. immer wieder neue Informationen auf mich einprasseln. Es ist schon vorgekommen, dass ich einen interessanten Zeitungsartikel in einer Zeitspanne von zwei Wochen zweimal gelesen habe, mir beim zweiten Mal aber erst am Schluss aufgefallen ist, dass ich ihn schon vor kurzem gelesen hatte.

Wir können sowieso nicht mehr als zwei Prozent des Informations- und Datenmaterials, das uns täglich zur Verfügung steht, verarbeiten, sagt die Kommunikationswissenschaftlerin Miriam Meckel. Es macht demnach wenig Sinn, nach immer mehr Informationen zu suchen, statt den Rest unserer Energie, die für das Suchen und Lesen draufgegangen ist, dafür zu nutzen, diese Informationen sinnvoll für uns zu sortieren, uns sie in aller Ruhe als Wissen anzueignen. Doch es erscheint mir so, als seien immer mehr Menschen regelrecht süchtig nach Informationen. Abgesehen von der häufig stattfindenden Kommunikation mit dem Smartphone oder Computer wird das Internet und seine unendliche Masse an Daten dazu genutzt, eine möglichst große Menge an Daten zu rechericheren, z.B. Kaufentscheidungen durch zahllose Preisvergleiche zu fällen. Grade hier kann man meist sinnfreie Beschäftigungen entlarven: stundenlanges Recherchieren, um 20 Euro am Ende gespart zu haben. Ich dachte immer Zeit ist Geld? Kann man seine Zeit noch besser verschwenden?

Ist die Ruhe und die Langsamkeit der Natur der Gegenpol zur Technik, die zunächst die erhöhte Geschwindigkeit und dann den rasenden Stillstand verursachte?

Gianna Maria Gatti sieht Natur und Technik in ihrem Werk „Das technologische Herbarium“ nicht als Gegensätze an, sondern für sie stellen beide etwas „halb lebendiges“ dar. Sie nähern sich einander an, vermutlich, da sich der Mensch bei der Entwicklung von neuer Technologie an der Biologie orientiert. Wenn bespielsweise Roboter entwickelt werden, versucht man sich an Verhaltensweisen des Menschen zu orientieren. User Interfaces werden durch Eye-Tracking optimiert. Die App „flux“ passt die Farbeinstellungen des Bildschirms an den Sonnenstand an, was für einen erholsameren Schlaf sorgt.

Doch was die Erschaffer von neuer Technologie allen Anschein nach nicht haben, ist ein Gefühl für die biologische Zeit, die Zeit, die die Natur und damit auch der Mensch benötigt – außer vielleicht bei den Apps, mit denen sich eine Zeit lang die Funktionen des Smartphones nicht bedienen lassen. Diese empfinde ich allerdings nicht sehr hilfreich, da uns diese Technik nicht auf natürlichere und instinktive Weise Zeit schenkt, sondern wir sie aktiv einfordern müssen.

Was können Designer tun, damit diese immer allgegenwärtigeren Zeitfressmaschinen uns wieder mehr Raum und Freiheit zurückgeben, die wir wegen ihnen meist unbemerkt opfern? Interfaces, die den ganzen Körper beanspruchen, werden zur Zeit schon entwickelt. Hier wäre es interessant herauszufinden, ob sich durch solch eine Bedienung die Zeitwahrnehmung verändert.

Besser strukturierte Informationen sind immer eine wichtige Aufgabe von Designern. Doch im Internet Informationen geeignet zu sortieren und aufzubereiten, erscheint immer noch als eine Mammutaufgabe, da jeder sein eigenes Informationssüppchen kocht.

Und wenn man einfach das Internet entschleunigt und wieder langsamer macht? Wahrscheinlich würden dann alle Nutzer auf die Barrikaden gehen, da sich schon Nervösität breit macht, wenn eine Seite mehr als drei Sekunden lädt.

Vielleicht ist es doch nur eine Frage der Zeit, bis die User bemerken, dass eine Menge ihrer Zeit zu schnell abläuft. Vielleicht werden sie mit der Zeit ihre Facebook Pushnachrichten deaktivieren, nach der fünften Seite der Suchergebnisse aufgeben oder mehr an die frische Luft gehen. Diese Verhaltensänderung bedarf jedoch vermutlich eines Paradigmenwechsels. In dieser Zeit wird dann Stress und ständige Beschäftigung nicht mehr als eine Art Statussymbol gehandelt, sondern das Zeit haben, der tatsächliche Stillstand.

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